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Frankfurter Zeitung 11.04.1915 : Der Kurdistan-Report

Kurdische Soldaten in der türkischen Armee zwischen 1914 und 1918. Bild: Picture-Alliance

Lebendige Siedlungsgeschichte, weitläufiges Staatsgebiet und vielfältige Abstammungen - so berichtet die Frankfurter Zeitung am 11. April 1915 über Kurdistan.

          8 Min.

          Von Dr. M. Funck.

          Der Ursprung der Kurden ist noch dunkler als jener der Armenier. Eine geschriebene Geschichte der Kurden gibt es noch nicht, wir finden nur bei den vielen orientalischen und griechischen Autoren zerstreute Notizen darüber. Man nimmt allgemein an, daß die Kurden seit den frühesten Zeiten die Landschaften bewohnen, die sie noch heute inne haben. Wahrscheinlich sind sie Abkömmlinge des Volkes, das zur assyrischen Zeit mit dem Namen Karda belegt wurde; die alten Perser nannten sie Kudraha. Infolge der verschiedenen Herrschaften, die im Altertum über diese Länder kamen und der späteren Einbrüche der Seldschuken und Taiaren vermischten sich die Kurden mit diesen Völkern, ohne ihren primitiven Typus und Charakter zu verlieren. Sie sind bis zum heutigen Tag als unabhängige Bergbewohner den Räubereien ergeben geblieben.

          Als die Kurden zum Islam bekehrt wurden, folgten diesem Beispiel viele armenische Bergstämme, die sich mit ihnen unter dem Glauben Mohammeds vermischten und so ihre Zahl vergrößerten. Es steht fest, daß in den Adern dieser Kurden viel armenisches Blut fließt, derselben Kurden, die im 20. Jahrhundert unter der Regierung des Abdul Hamid über die Armenier so unsägliche Gräuel bringen mußten. Wenn man die Kurden selbst nach ihrer Abstammung befragt, so kommen sie in Verlegenheit; die einen geben vor, Autochthonen zu sein, die anderen versichern uns, daß ihre Altvorderen aus Iran kamen, während ihre Häuptlinge und ihre vielen Scheiks bestimmt behaupten, Söhne arabischen Bluts zu sein.

          Nach ihrer Sprache gehören die Kurden wie die Armenier zur großen Familie der Indo-Arier; ihr Idiom ist die „armenische Gruppe“ der arischen Sprachen eingereiht. Die heutigen Kurden sprechen im allgemeinen das „Kermandji“ mit seinen Dialekten und das „Zaza“, das hauptsächlich im West-Kurdistan und von den Kyzyl-Baschen des Dersim gesprochen wird. Diese verschiedenen Dialekte sind noch äußerst primitiv und können trotz der vielen Entlehnungen aus dem Persischen, Arabischen, Türkischen und Armenischen nur eine sehr beschränkte Zahl von Ideen zum Ausdruck bringen. Die Kurden besitzen keine eigenen Schriftzeichen, sie bedienen sich des arabischen Alphabets, wenn sie schreiben wollen, was allerdings selten vorkommt.

          Die Landbewohner sind des Schreibens völlig unkundig, während die Häuptlinge und Scheiks eine ausreichend hohe Bildung besitzen, um der arabischen, persischen oder türkischen Sprache den Vorzug zu geben. Die Kurden haben keine Literatur außer einigen Volksgesängen. Sie sind ausschließlich Sunniten, aber ihre Religion enthält Reste des Paganismus mit christlichen Kreuzungen.

          Nicht mehr als Armenien entspricht Kurdistan heute einer politischen Einteilung. Es ist nur ein geographischer Ausdruck, der das Land bezeichnet, das von den Kurden bewohnt ist. Dieses ungeheure Gebiet ist annähernd bestimmt im Norden durch eine Linie von Erzindjan-Erzerum-Ararat, d.h. die Winkelgrenze des russischen, persischen und türkischen Gebiets, im Osten durch eine Linie von Ararat-Urmiasee-Kermanshah (Persien) und im Süden und Westen durch eine Linie von Kermanshah-Kesari-Mosul-Diyarbekir-Kharput-Erzindjan. In diesen Grenzlinien ist ein guter Teil von Armenien inbegriffen. Ethnographisch ist es kaum möglich, eine scharfe Grenze zwischen Armenien und Kurdistan zu ziehen. Doch bilden die Armenier eine Nation, deren Lebensfähigkeit in der Konstitution freilich längst untergegangener Reiche fußt, während die Kurden aus ihrer Stammesorganisation nie herausgekommen sind.

          Wie andere Völker dieses Landes, so wurden auch die Kurden nach und nach von der Herrschaft der Assyrier, Perser, Mazedonier, Parther, Sassaniden, Araber, Mongolen, Seldschuken, Osmanen und neuerdings der Russen unterworfen. Doch sind sie niemals ganz unter diese verschiedenen Herrschaften gelangt, denn es gab selbst während der hohen Blütezeit der verschiedenen Weltreiche isolierte kurdische Fürstentümer. So erzählt uns die Geschichte von Sela-Eddin, dem Begründer der Ejubiten-Dynastie von Syrien; von Idriß, der Selim I. der bei Eroberung von Kurdistan half und der auch die erste allgemeine Geschichte des türkischen Reichs schrieb; von Sheriff-Eddin, dem Bey von Bitlis, der das Sherif-Namé, das Kurdische Chronikbuch, verfaßte.

          Im 16. Jahrhundert unternahm Sultan Selim I. die Eroberung von Kurdistan, das er dem persischen Schah Ismail entriß. Viele kurdische Stammesfürsten konnten damals ohne Blutvergießen gewonnen werden. Idriß wurde mit der Organisation des Landes betraut, an deren Spitzen meist erbliche Fürsten standen, die eine fast völlige Unabhängigkeit genossen. Sie mußten dem Sultan wohl einen festgesetzten Tribut bezahlen und im Kriegsfall Soldaten stellen; doch infolge der zu großen Entfernung von Konstantinopel und der äußerst schlechten Verbindungen befreiten sich viele Beys deren Willen Gesetz ist und die über ihre Untergebenen das Recht auf Tod und Leben besaßen von diesen Verpflichtungen. Wenn einmal der Sultan zu herrisch wurde, vereinigten sich mehrere Beys der Kurden und leisteten den aus Stambul gesandten Paschas heftigen Widerstand. Mit der Zeit befestigte sich die Autorität des Sultans, die erst im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu wanken begann; besonders in der militärischen Expedition im Jahre 1843 gegen Bedr Khan Bey von Bochtan. Ihr Ergebnis war die Zusage der Zentralregierung zur Einsetzung verschiedener Walis in Kurdistan, die heute nur noch eine nominelle Autorität besitzen.

          Politisch wie gesellschaftlich teilen sich die Kurden in Aschirets und Rayas. Die erste Gruppe setzt sich aus Stämmen zusammen, an deren Spitzen Aghas oder Beys stehen, welche die Rolle wirklicher Feudalherren spielen. Sie bezahlen nur gewisse Steuern, leisten keinen regulären militärischen Dienst und bilden die hamidische Kavallerie, deren Offiziere aus ihren Aghas und Beys rekrutiert werden. Da diese kurdische Kaste der Aschirets Landarbeiten verachtet, werden diese den Armeniern oder der kurdischen Kaste der Rayas überlassen. Im Gegensatz zu den Aschirets bilden die Rayas keine Stämme, bezahlen Steuern, müssen Rekruten stellen und sind zudem die verachtetste Klasse im türkischen Reich.

          In Ermangelung einer Statistik kann man die Bevölkerungszahl der Kurden auf 3 Millionen schätzen, von denen 2 Millionen in der Türkei leben. 700 000 in Persien und 300 000 in Rußland.

          Sehr interessant sind ihre Beziehungen zu den Armeniern. Obgleich beide Völker seit frühesten Zeiten zusammen gelebt haben, erwähnen die alten armenischen Historiker die Kurden fast nie. Historische Beweise von kurdo-armenischen Beziehungen datieren erst seit der osmanischen Herrschaft. Infolge der Isolierung des kleinen Armeniervolkes, das schon im 5. Jahrhundert christlich wurde, hatte es später von den muselmanischen Eroberern viel zu leiden. Die Kurden, als eifrige Mohammedaner, wurden von den Türken als Herren über die christlichen Armenier erhoben. Obgleich sie nur zu Feldarbeiten verwendet wurden, behandelten die kurdischen Beys und Aghas die Armenier mit einigem Wohlwollen, ja, sie genossen einen gewissen Schutz gegen Ausbeutung anderer kurdischer Feudalstämme. Die Armenier waren mit ihrem Schicksal auch nicht unzufrieden. Auch materiell waren sie nicht unglücklich; sie bezahlten jährlich ihren Tribut an die kurdischen Aghas und dabei blieb ihnen genug übrig, um sorgenfrei zu leben. Als aber nach Abdul Hamids Regierungsantritt die türkische Regierung in Kurdistan die Zügel straffer spannte, änderten sich die Dinge zu Gunsten der christlichen Armenier. Sie brauchten nun für die Kurden nicht mehr so hart zu arbeiten und genossen dennoch einen weit größeren Schutz gegen die räuberischen Aschirets. Infolge dessen wurden viele Armenier zu großen Landbesitzern und eigneten sich auch bald die Bildung der armen kurdischen Rayas an. Die Beziehungen zwischen den Rayas und den Armeniern waren zu allen Zeiten die besten gewesen.

          Als aber Abdul Hamid, durch die Großmächte gedrängt, die im Berliner Vertrage ausbedungenen Reformen in Armenien einzuführen, die armenische Frage vertuschen wollte, wendet er sich in seinem blinden Eifer an die Kurden. Diese waren mit der langsamen, aber doch fortschreitenden Erhebung der Armenier unzufrieden und daher von der geheimen Ermächtigung aus Jildis hocherfreut. Nach der Einführung der hamidischen Regimenter gab Abdul Hamid den kurdischen Aschirets freie Hand, den Armeniern gegenüber so zu handeln, wie sie es für gut finden. Es kam zu Diebstählen und vereinzelten Mordtaten, die sich schließlich verallgemeinerten. Der religiöse Fanatismus der Muselmanen ging so weit, daß die Scheiks wie die Mollahs, als treue Diener Abdul Hamids, eine angebliche Revolte der Armenier dem Sultan vorgaukelten. Die Morde und Diebstähle arteten bald in Massaker und Plünderungen aus, wobei die Behörden den Kurden Hilfe leisteten. Die Massaker von Wan, Diyarbakir, Trapezunt und Konstantinopel, welche die armenischen Provinzen in den Jahren 1894-96 besudelten, sind noch frisch im Gedächtnis. So säte Abdul Hamid zwischen der armenischen und kurdischen Bevölkerung Mißtrauen und Haß.

          Die jungtürkische Revolution brachte zwischen Kurden und Armeniern neue Beziehungen. Die Gleichheit, die durch die armenischen Revolutionsagenten gepredigt wurde, empfing eine öffentliche Weihe. Künftig sollten Armenier wie Kurden das Recht haben, Waffen öffentlich zu tragen, ebenso auch die Ehre, unter den Fahnen zu dienen, Abgeordneten ins Parlament zu schicken, öffentliche Aemter zu bekleiden und frei zu reisen. Der Kurde, dessen Unwissenheit sehr groß ist, der aber dafür eine lebhafte Intelligenz besitzt, fragte sich zuerst, was das bedeuten sollte.

          Da er ziemlich furchtsam ist, wenn er nicht sicher als der Stärkste dasteht, hält er sich lieber zurück; er vermied es fortan, den Armenier zu belästigen. Die Armenier aber, die plötzlich Waffen tragen konnten, wurden arrogant und behandelten die Kurden als Räuber und Barbaren, forderten das „gestohlene Land“ und verlangten schließlich noch die Bestrafung früherer Uebeltaten der Kurden. Inzwischen erschienen auch türkisch-persische Vertrauensleute in Kurdistan, die unentwegt den Panislamismus predigten. Das Endergebnis war ein neues Armeniermassaker, das die jungtürkische Regierung nicht zu hindern vermochte. Die Kurden überfielen in Banden die Dörfer der Armenier und der kurdischen Rayas und entführten ihre Herden. Die Armenier dagegen sammelten sich unter ihren alten Fedais (Revolutionären), griffen die kurdischen Aghas an und plünderten sie aus. Seitdem sind die Beziehungen zwischen den kurdischen Aschirets und den Armeniern unterbrochen; sie stehen sich ganz wie zwei feindliche Armeen gegenüber. Die zahlreichen, besser bewaffneten Kurden sind Herren auf dem Lande, während die besser organisierten Armenier in den Städten im Vorteil sind.

          Die Beziehungen der Kurden und Armenier zu den ottomanischen Behörden sind äußerst schlecht. Die Klagen der beiden, die bei der türkischen Regierung einlaufen, sind fast immer dieselben. Die Justiz genießt wenig Ansehen; die Gerichte zollen nur den einflußreichen Personen Vertrauen. Alle Prozesse ziehen sich unnütz in die Länge. Die Zeugen spielen vor ottomanischen Gerichten eine außerordentliche Rolle und jedermann kann mit Geld sich leicht Zeugen verschaffen. Oft werden Verhaftete nach einer gewissen Zeit wieder freigelassen, ohne daß ihnen auch nur die Gründe der Verhaftung bekannt gegeben werden. So wurde einmal ein Kurde wegen eines angeblichen Schafsdiebstahls in Haft genommen und nach Bitlis geführt, wo er drei Monate im Gefängnis schmachten mußte; eines schönes Tages ließ man ihn frei, ohne daß er vor Gericht gestellt wurde, man sagte ihm einfach, daß man ihm verziehen habe, aber das nächste Mal würde es nicht so glimpflich abgehen.

          Der Kurde schwor, daß er unschuldig war und daß er drei Monate Arbeit verloren habe, ohne daß die Behörden je versucht hätten, seine Schuld oder seine Unschuld zu beweisen. Die Gerichtsherren selbst, Muselmanen wie Christen, geben die äußerst schlechte Wirksamkeit der Justiz zu, aber sie entschuldigen sich damit, daß zu viele Straftaten vorlägen und das für dieses Gebirgsland angewandte Gesetz, das nebenbei bemerkt nach dem französischen Köder aufgestellt worden ist, viel zu frei sei. Aber die wirklichen Gründe liegen anderswo, besonders in der Unfähigkeit, Parteilichkeit, Trägheit und Bestechlichkeit der Gerichtsherren.

          Auch die Gendarmerie läßt viel zu wünschen übrig. Sie wird meist aus der lokalen Bevölkerung erwählt und schlecht bezahlt. Ohne jede militärische Disziplin ist sie völlig unfähig irgendwelchen Dienst der Bevölkerung zu erweisen. Die Regierung hat kürzlich nach Kleinasien aus der europäischen Türkei gutgeschulte Gendarmen gesandt, die wirklich Ordnung schaffen. Der berühmte Räuber Mir-Mehe, der den Bezirk Asan seit Jahren verheerte, wurde dank der Energie des Wali und des Gendarmerie-Kommandanten getötet. Endlich beklagt sich die Bevölkerung über die Unerträglichkeit der Steuern, den Mangel an Straßen und Schulen. Diese Klage wird namentlich von den Kurden erhoben, während die Armenier seit mehr als zehn Jahren auf eigene Kosten eine Anzahl Schulen selbst erhalten.

          Trotz dieser Mißstände zeigen die Kurden wie Armenier nicht die geringste Lust, die türkische Herrschaft durch die noch schlechtere russische umzutauschen; den ersten verbietet dies ihr religiöser Geist, den letzteren ihr nationaler Stolz.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 13. April 2015.

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