https://www.faz.net/-gpf-7sozs

Frankfurter Zeitung 15.08.1914 : Das fliegende Heer

Brieftauben mit Kameras, ca. 1914. Bild: Julius Neubronner

Satellit, Handy, Briefträger – trotz Telegrafietechnik setzen im Ersten Weltkrieg die kriegführenden Nationen auf Hunderttausende Brieftauben. Die Frankfurter Zeitung schildert am 15. August 1914, warum.

          5 Min.

          Von Friedrich Seel und Hans H. Hupfeld.

          Die Frage der Verwendung von Brieftauben zu Uebermittlung militärischer Nachrichten ist aktuell geworden. Freilich steht ja außer Frage, daß die Vervollkommnung der drahtlosen Telegraphie und des Luftfahrtwesens den Wert der Brieftaube als Nachrichtenüberbringerin herabgesetzt hat. Wie steht es aber nun, wenn den Verteidigern einer eingeschlossenen Festung durch Zerstörung der Telegraphen sowie der Send- und Aufnahmeapparate für drahtlose Telegraphie die Möglichkeit genommen wurde, auf diesem Wege den Verkehr mit der Außenwelt  noch aufrecht zu erhalten, und wenn der letzte zur Verfügung stehende Flugapparat von den Belagerern  aus der Luft herabgeholt wurde? In diesem Falle wird man sich wieder der Brieftaube als letzten und sichersten Hilfsmittels erinnern müssen, und die Festung ist glücklich zu preisen, die sich schon in Friedenszeiten einen Stamm gut trainierter Brieftauben herangebildet hat.

          Es ist zu begrüßen, daß unsere Heeresverwaltung auch in den letzten Jahren der Verwendung der Brieftauben als Ueberbringer von Nachrichten erhöhtes Interesse zugewandt hat und daß ihr heute in allen Teilen Deutschlands Tausende sorgfältig ausgebildeter  Brieftauben zu Verfügung stehen. Das Interesse, das nicht allein Deutschland, sondern auch die Militärverwaltung aller Nationen der Zucht und Ausbildung der Brieftauben bis zum heutigen Tage entgegengebracht haben, beweist zur Genüge, daß die Heeresleitungen nicht gewillt sind, auf dieses Hilfsmittel zu verzichten.

          Es ist erwiesen, daß die Brieftaube schon im Altertum den selben Zwecken diente wie heute, auch im Mittelalter und der neueren Zeit hatte das Brieftaubenwesen seine Anhänger. So bedienende sich im Jahre 1815 das Haus Rothschild der Brieftauben, um stets von den Ereignissen, die sich auf dem Kriegsschauplatze Napoleons I. abspielten, unterrichtet zu sein. Die Londoner Filiale Rothschilds soll drei volle Tage früher als die englische Regierung von der Niederlage Napoleons bei Waterloo unterrichtet gewesen sein, wodurch dem Hause Rothschild ein Verdienst von Millionen zu gefallen ist. Die Staatspapiere standen auf einem äußerst niedrigen Kurse, nach Bekanntwerden der Niederlage Napoleons stiegen sie wieder erheblich, was Rothschilds durch die frühe Nachricht zu seinen Gunsten zu verwerten wußte.

          Außer von den Pariser Börsenspekulanten wurden die Tauben auch von verschiedenen Handelshäusern benutzt. Auch in Köln hatten die Kaufleute sich einen Brieftaubenschlag eingerichtet. Die Kölner Tauben vermittelten den Verkehr von Antwerpen, während diese Stadt wieder mit London und Paris eine Taubenverbindung unterhielt. Auch die „Kölnische Zeitung“ war durch Taubenverbindungen stets im Besitze der neuesten Ereignisse. Erst vor kurzem wurde in der Presse darauf hingewiesen, daß der Uranfangen des heute weltbekannten Reuterschen Depeschenbüros auf einer in ganz kleinem Umfange betriebenen Brieftaubenpost beruhe.

          Hatte durch die Erfindung des Telegraphen, der schneller und zuverlässiger die Depeschen brachte, die Brieftaubenpost an Bedeutung verloren - in Belgien und später in den 60 Jahren in Deutschland wurde das Brieftaubenwesen nur noch als Sport betrieben -, so begann mit dem Jahre 1870 durch den deutsch-französischen Krieg eine neue Aera für die Brieftaubenzucht. Man hatte erfahren, daß den Belagerten in Paris Tausende von Depeschen und wichtigen Nachrichten durch Brieftauben, die, allen Kugeln trotzend, über die Köpfe der Freunde und Feinde hinwegflogen, überbracht worden waren.

          Von den Depeschen und Drucksachen wurden auf besonders präparierten Kollodiumhäutchen photographische Aufnahmen gemacht und zwar in solch winziger Verkleinerung, daß eine Seite einer gewöhnlichen Tageszeitung nur den sechsten Teil eines Quadratzentimeters einnahm. Dreitausend Depeschen füllten den Raum eines Quadratzentimeters bei einem Gewichte von weniger als einem halben Gramm. Jede Taube war also leicht imstande, eine ganze Anzahl solcher Häutchen, die in einem Gänsefederkiel gesteckt wurden, der an der Oeffnung mit Wachs verschlossen und dann am Schwanz der Taube befestigt wurde, zu tragen. (Heute ist die Unterbringung der Depeschen einfacher, indem sie in einer Aluminiumhülse, die am Fuße der Taube befestigt wird, untergebracht werden). Der Wert der Brieftauben war durch ihre glänzenden Leistungen im Feldzuge 1870/71 restlos bewiesen, und die Militärbehörden aller europäischen Staaten stellten Brieftauben als ständiges Hilfsmittel in ihre Dienste.

          Weitere Themen

          Fallen bald die Masken?

          F.A.Z.-Frühdenker : Fallen bald die Masken?

          In Brüssel hoffen die NATO-Staaten auf einen Hauch Normalität. Deutschland entspannt sich – aller Unsicherheiten zum Trotz. Und die DFB-Elf bereitet sich auf ihr erstes EM-Gruppenspiel vor. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Topmeldungen

          Grundsatzurteil gegen VW: Getäuschten Dieselfahrern steht Schadenersatz zu, hat der Bundesgerichtshof entschieden.

          F.A.Z. Exklusiv : Kommen die Turboverfahren?

          Zigtausende Dieselfälle sind der deutschen Justiz eine Warnung gewesen. Damit so etwas nicht wieder passiert, fordern die Minister der Länder eine schnellere Klärung von Grundsatzfragen. Ein neues Verfahren könnte dabei helfen.

          Deutscher EM-Fehlstart : „Brauchen wir uns nicht drüber unterhalten“

          Die deutsche Nationalmannschaft verliert ihr erstes Spiel bei dieser Fußball-EM gegen Frankreich. Das liegt auch an einem Mangel an Chancen – und der liegt auch an der gewählten Aufstellung des Bundestrainers.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.