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Frankfurter Zeitung 13.11.1914 : Aufruf zum Dschihad

Bild: Picture-Alliance

Der Sultan in Konstantinopel ruft den Heiligen Krieg gegen die Feinde des Osmanischen Reiches aus. Für das Deutsche Reich kommt das nicht ungelegen. Ein Bericht der Frankfurter Zeitung vom 13. November 1914.

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          Aus Konstantinopel kommt die Nachricht, daß der Sultan in einer Botschaft an seine Armee für alle Muselmanen den Heiligen Krieg ausgerufen habe. Der Beherrscher des Osmanenreichs ist zu diese Schritte berechtigt, weil er nicht nur weltlicher Fürst, sondern Inhaber der Würde des Kalifats ist, die nach dem Falle der arabischen Weltmacht auf die Oberhäupter des kriegerischen Türkenvolkes überging. Der Dschihad oder Heilige Krieg ist von den Begründern des Islam als eines der wirksamsten Mittel zur Ausbreitung ihres Glaubens in die mohammedanische Politik aufgenommen worden. Er bedeutete für den Orient in jenen Zeiten dasselbe, wie etwa die blutigen Kriege, die Karl der Große in der gleichen Epoche mit den Sachsen geführt hat, um sie zum Christentum zu bekehren. Diese geschichtliche Erinnerung beweist uns schon an sich, daß der Heilige Krieg für den Islam heute einen ganz anderen Sinn haben muß als er für den Propheten und seine ersten Nachfolger hatte. Es handelt sich jetzt nicht um einen wirtschaftlichen Religionskrieg zur gewaltsamen Ausbreitung des Mohammedanismus und zur Ausrottung anderer Bekenntnisse. Einen solchen Krieg, der in unsere Zeit nicht hineinpassen würde, kann und will die moderne Türkei nicht führen, denn sie hat mit Kraft und Ernst das Mittelalter von sich abgeschüttelt und sich vom Geiste der europäischen Zivilisation durchdringen lassen. Ganz andere Bedeutung hat dieser neue Dschihad.

          Indem der Sultan seinen guten und gerechten Krieg für einen heiligen erklärt, will er alle Mohammedaner mit dem größten Nachdruck auf die kritische Stunde aufmerksam machen, die für ihre Religion gekommen ist. Fortbestehen könnte diese ja auch wohl, wenn sämtliche unabhängige Staaten der muslimischen Welt zerstört würden. Aber es wäre eine viel dürftigere, eingeschränktere Existenz und die eins so blühende orientalische Kultur würde nach dem völligen Erlöschen ihrer politischen Selbstständigkeit in Todesstarre versinken. Sehr viel hat der Islam nicht mehr zu verlieren. Nachdem England das große mohammedanische Reich in Indien vernichtet, Rußland die unabhängigen Khanate Mittelasiens, Frankreich Algier und Tunis unterjocht hatte, schickte sich die herrliche Tripple-Entente dieser drei Mächte, die ebensosehr eine Verschwörung gegen den Islam wie eine solche gegen Deutschland bedeutet, dazu an, die letzten noch selbstständigen Mosleminenstaaten zu verschlingen. Diese waren, wenn man von dem zwischen dem englischen Tiger und dem russischen Bären mühsam seine Existenz fristenden afghanischen Emirate absieht, Marokko, Persien, die Türkei und das, mit Ausnahme der staatsrechtlichen Verbindung mit Konstantinopel, selbstständige Aegypten.

          Dieses letzte hat England in „vorläufige“ Verwaltung genommen und darauf mit vollkommener rücksichtsloser Nichtachtung aller Versprechungen und Beträge zu einer vom britischen Reiche abhängigen Provinz herabgedrückt. Um Frankreich für Aegypten zu „entschädigen“, bot dann England edelmütig und ohne jegliche Selbstkosten den Franzosen Marokko an, das diesen wie jenen nicht im geringsten gehörte. Wir wissen, wie in einer nicht zu fernen Vergangenheit die marokkanische Frage Europa in Unruhe stürzte und wie nur Deutschlands entschlossene Friedensliebe den Weltkrieg damals hinten hielt, in den die Bosheit der anderen uns nun doch getrieben hat. Als Marokko erledigt war, kam Persien an die Reihe. Hier hatte England, das in allen drei Erdteilen der alten Welt der hartnäckigste und böswilligste Feind mohammedanischer Selbstständigkeit ist, mit dem Moskowiter Halbpart zu machen. Wohl erhob der schwatzende englische Liberalismus, der sich dabei noch all die Jahre zu regieren einbildete, Proteste gegen die brutale Vergewaltigung des persischen Volkes. Ab was half´s?

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