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Frankfurter Zeitung 29.09.1914 : Antwerpen im Krieg

Bis zum 25. August ereignete sich in der Stadt nichts von Bedeutung. In der Nacht vom 24. August 10 Minuten vor 1 Uhr erschien erstmals ein Zeppelin über der Stadt. Niemand hatte einen solchen Besuch erwartet und niemand wußte im ersten Augenblick, was los sei. Man hörte nur einen Donnerschlag wie von einer Kanone und dann wieder und wieder einen. Fräulein Jokisch, die bei ihrer Kranken Wache hielt, öffnete das Fenster, um zu sehen, was los sei. Sie bemerkte über sich einen mit großer Wucht und mit Donnerrollen zur Erde stürzenden Feuerball, der mit einem furchtbaren Knall unten aufschlug. Das wiederholte sich insgesamt zehnmal. Dazwischen hinein hörte man das Rattern der Motoren und Propeller und wußte nun, um was es sich handelte. Am andern Morgen lief jedermann zu den Stellen, an denen die Bomben aufgefallen waren. Am Platz „Alte Wage“ hatte die Bombe ein kreisrundes Loch in die Erde gerissen, das zwei Meter tief war und den Umfang eines Karussells hatte. Alle Gebäude in der Nähe zeigten klaffende Zickzackrisse, wie wenn ein Blitz hindurchgefahren wäre. Auch noch in den Seitenstraßen waren vom Luftdruck die Fensterscheiben zertrümmert worden. Zehn Tote und 25 Verletzte – das war das Ergebnis des ersten Zeppelinbesuchs. Die Gasfabrik, die nach deutschen Berichten in die Luft geflogen sein soll, blieb durchaus unbeschädigt. Der zweite Zeppelinbesuch erfolgte eine Woche später in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag. Dabei wurden nur zwei Bomben geworfen, die jedoch keinen Schaden anrichteten. Bei diesem zweiten Besuch wurde das Luftschiff stark beschossen, es verschwand aber anscheinend unverletzt in der Ferne.

Trotz dieser unangenehmen Besucher und trotz des Kriegszustands ist die Stimmung der Antwerpener in keiner Weise gedrückt. Sie glauben an den Sieg, und davon vermag sie nichts abzubringen. Zwar wissen sie, daß Lüttich von den Deutschen erobert und Brüssel von ihnen besetzt ist. Aber das macht nichts. Die Franzosen gewännen, sie hätten die Deutschen schon 100 Kilometer zurückgeschlagen und die Russen seien auf dem Marsche nach Berlin schon längst in Königsberg eingetroffen. Von den russischen Niederlagen in Ostpreußen weiß man in Antwerpen noch nichts. Dagegen entschädigt man die Einwohnerschaft mit 250 000 deutschen Toten. Auch über die Verluste der Belgier erfährt man dort nichts. Die Verlustlisten sollen, wie bekannt gegeben wurde, erst nach dem Krieg veröffentlicht werden, und die Verwundeten schafft man seit einiger Zeit bei Nacht in die Stadt. Die lügnerischen Beschuldigungen deutscher Offiziere und Soldaten in der belgischen und französischen Presse erregen die Bevölkerung zwar, doch ist, wie Fräulein Jokisch bestimmt weiß, die Behandlung der etwa 300 Gefangenen und 80 deutschen Verwundeten, die nach Antwerpen gebracht worden sind, eine gute. Im übrigen ist das Aussehen der Stadt und das Leben in Antwerpen infolge des Kriegs wenig verändert. Lebensmittel seinen in genügender Menge vorhanden und die Preise des Notwendigsten fast niedriger als vor dem Krieg. Allerdings werden die Preise durch die Behörden festgesetzt und die Geschäftsleute beklagen sich, daß sie bei solchen Preisen nichts mehr verdienen und die Läden schließen könnten. – Soweit Fräulein Jokisch, die m 18. September plötzlich den strikten Befehl erhielt, Belgien innerhalb weniger Stunden zu verlasse. Nur den größten Bemühungen der belgischen Familie, bei der sie war, hat sie es zu verdanken, daß sie noch zwei Tage bleiben durfte. Ein Grund für die plötzliche Ausweisung wurde nicht angegeben.

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