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Frankfurter Zeitung 25.12.1930 : Wird die Welt wieder wie vorher?

  • Aktualisiert am

Arbeitslose Jugendliche in Berlin: Die Wirtschaftskrise betrifft alle Bevölkerungsschichten. Bild: Picture-Alliance

Weihnachten 1930 steckt die ganze Welt tief in der Krise, und viele Deutsche sind arbeitslos. Was bleibt? Der unbeirrbare Glaube der Menschen an sich selbst.

          4 Min.

          Dunkel über Deutschland. Dunkel über der Welt. Viele Millionen von Menschen ohne Arbeit. Notdürftig vor dem Verhungern geschützt durch Unterstützung, aber seit Monaten, seit Jahren in das zermürbende, entsittlichende arbeitslose Dasein gestoßen. Keine Möglichkeit – für den nachdenkenden, nicht von irgendeinem Fanatismus umnebelten Menschen – Allheilmittel anzugeben, nicht einmal rasch wirksame Medizinen. Darum um so lauter das Geschrei der Charalatane, der Kurpfuscher, der Wunderdoktoren, die den gierig nach Hilfe ausschauenden Patienten Kuren anpreisen.

          Und hart neben der Erkenntnis der allgemeinen, der Weltnot, der Wunsch nach Absperrung, die Überzeugung, jede Nation könne vielleicht dadurch den weiteren Niedergang aufhalten, daß sie nur an sich denke, an ihr Leben. Das gefährliche Gebot der Selbsthilfe in der Zeit, wo die realen Beziehungen, die wirtschaftlichen und finanziellen, wie Riesenkanäle quer durch Weltteile, wie Riesendämme quer durch die Weltmeere gezogen sind. Und als Folge von alldem; verstärkter Haß zwischen den Klassen, zwischen Arm und Reich, zwischen den Parteien, zwischen den Völkern.

          Wie kamen wir nur zu einem solchen Zustand? Es war doch ein Krieg da? Mit allen Schrecknissen, allem Leid, aller Not? Warum war er keine Lehre?

          Ja, es war ein Krieg da. Und er setzte sich, wie es seine Art ist, über alle Ordnung, über alle Gliederung, über alle Gesetze hinweg. Was war die Welt vor dem Kriege mit ihrer im letzten Jahrhundert phantastisch angewachsenen Ziffer von Menschen, die auf ihr Recht nach einem, nicht mehr irgendeinem Menschen leibeigenen Leben pochten? Die Welt wurde nicht nach einem nationalökonomischen Prinzip geleitet. Sie war gestaltet nach allen nur denkbaren Wirtschaftsformen. Aber alle diese Formen waren unterworfen einem noch höheren, durch eine Formel nicht ausdrückbaren Gesetz. Man wußte eigentlich nicht genau wie, aber dieses Weltwerk funktionierte!

          Die wundersame Weltfabrik

          Es gab Störungen, mal stand eine Maschine still, manchmal flog auch eine in die Luft, aber dann war es, als ob auf höheren Befehl die anderen mehr leisteten. Es wurde nicht sehr systematisch organisiert. Die Organiker waren entsetzt, wie chaotisch, wie zufällig alles war. Es gab Krisen. Und man unterhielt sich darüber, ob und wie sie durch eine bessere Ordnung vermieden werden könnten.

          Die Weltfabrik funktionierte nur schlecht und recht, und manchmal mehr als schlecht und recht, Aber sie funktionierte doch. Und warum? Weil sie gewordene Welt war. Trotz aller Künstlichkeit mancher Teile ihres Baues, trotz der Selbstherrlichkeit, mit der da und dort Fabriken, Städte aus dem Boden geschossen waren, ohne vorher danach zu fragen, ob sie sich zwanglos in den Kreislos von Angebot und Nachfrage, von Kapital und Arbeit einordnen würden. Es war gewordene Welt; immer mannigfaltigere, immer stärker in ihren Teilen untereinander verästelte, immer kompliziertere, aber eben doch: gewordene Welt.

          Dann kam der Krieg. Und er brachte nicht nur die Störung an der einzelnen Maschine, in einer einzelnen Halle, des Weltwerkes: fast das ganze Werk zerfiel. Nicht für Wochen, nicht für Monate, für Jahre.

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