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Frankfurter Zeitung 25.12.1930 : Wird die Welt wieder wie vorher?

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Denkt man über das Deutsche Reich nach, wie es von 1870 bis 1918 bestanden hat, über die Möglichkeit einer Wiederherstellung des damaligen Standes, so neigt man zu folgender Ansicht: Das System war kompliziert, es war ein Konglomerat, durch viele Menschenalter so geworden, mit einigen Dutzend Souveränen, mit einem fast gegen seinen Willen, nur durch die geniale Leistung eines Einzelnen zum Kaiser ernannten Reichsrepräsentanten; was nur aus solcher einmaligen historischen Entwicklung in dieser Form möglich und erklärlich, das wird, wenn es erst einmal durch einen gewaltigen Sturm zerstört ist, gerade wegen seiner Kompliziertheit nicht wieder herzustellen sein.

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Gilt vielleicht ähnliches von der unendlich komplizierten „Organisation“ der Welt vor dem Kriege, die, systemlos, doch durch dieses in seiner Formel nicht ausdrückbare Gesetz des Gewordenen sich im Gleichgewicht hielt? Und die, durch den Weltkrieg völlig desorganisiert, eine neuen Gleichgewichtslage bisher nicht finden konnte?

Erklärt sich die Anpreisung der Generalrezepte: Bolschewismus, Fascismus, Völkerbund, Paneuropa, aus solchem bewußten oder unbewußten Gefühle, man müßte gewaltsame Anstrengungen, noch nicht dagewesene, rasch funktionierende Anstrengungen nach ganz neuen Formeln machen, weil eben die diesmalige Krisis andere Gründe habe als alle bisherigen und andere Art sei? Glaubt man, sie sei nur zu überwinden mit dem Rhythmus der Gewalt, der sie herbeigeführt? Sei es nun die Gewalt der Macht oder die Gewalt der Formel, der sich alle zu unterwerfen hätten?

Wird die Welt wieder wie vorher?

Eine Menge Fragezeichen und am Schluß das große Fragezeichen: besteht überhaupt aus diesen Gründen der Zerstörung des gewordenen Weltwerkes durch den Krieg die Möglichkeit, daß die Welt wieder einmal, wenn auch nur schlecht und recht, funktioniere?

Eines ist gewiß: Wer eine rasche Antwort verlangt, wer an irgendeine schnell wirkende Medizin glaubt, wird enttäuscht werden, wird enttäuschen. Es ist zu viel zerstört. Und so steht vor jeder möglichen Lösung das Wort: Geduld. Wenn, nach rückwärts gesehen, nur gewordene Welt sich als widerstandsfähig erwies, so wird, nach vorwärts gesehen, nicht gemachte sondern werdende, langsam werdende Welt wieder in eine Gleichgewichtslage kommen. Gewiß nicht sinn- und systemlos dem Zufall überlassen, aber kein Fünfjahresplan nach Art der russischen Experimentatoren, sondern ein Fünfzig-, ein Hundertjahrplan! Geist jeden Gilden, die Dome bauten, denen Beendigung in der Hand ihrer noch ungeborenen Enkel lag. Aus welcher Kraft kommt der Mut zu solcher Planung, zu solch langem Atem, zu solcher Geduld?

Die Geschichte der Welt ist wie ein gewaltiges Schauspiel. Sein Held heißt: der Mensch. Ob es tragisch endet oder gut ausgeht, wissen wir nicht. Denn wir ahnen ja nicht einmal, ob es der erste Akt ist, der sich vor uns abspielt, oder schon ein späterer. Aber es ist ein gutes Schauspiel; denn wir, unsere eigenen Zuschauer, werden vom Dichter mit jener Hoffnung beschenkt, die an den Helden und seine siegende Kraft bis zuletzt, bis zu dem Augenblick, wo es um Sieg oder Untergang geht, glauben läßt.

Der Held selbst glaubt an seinen Sieg. Und Rückschläge, Verwirrungen – scheinbar unlösbare – können ihn in seinem Glauben nicht beirren.

Das ist das Licht, das einzige in diesem Dunkel: der stoische, der unbeirrbare Glaube des Menschen an sich selbst. Das ist das Licht, das in stolzer Ablehnung der Frage, wie es ende, der Mensch sich angezündet in der Schicksalsnacht, dieser Glaube an sich und den Geist, der ihn schuf nach seinem Bilde.

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