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Frankfurter Zeitung 25.10.1929 : Wie es zum Schwarzen Freitag kam

  • Aktualisiert am

Broker telefonieren am 25. Oktober 1929 in der New Yorker Börse. Bild: AP

Am 24. Oktober 1929 brechen die Aktienkurse an den amerikanischen Börsen ein. Wie konnte es soweit kommen? Und was bedeutet der Kurseinsturz für die Vereinigten Staaten und für Europa? Eine erste Analyse.

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          Seit annähernd sechs Jahren bewegen sich die amerikanischen Aktienkurse stetig aufwärts, seit zwei Jahren in ganz besonderer Weise. Seit etwa fünf Wochen war deutlich eine Ermattung der Spekulation und ein Abbrückeln der Kurse zu beobachten. Gestern war der Rückgang besonders stark. Der gestrige Börsenbericht (Vgl. Handelsteil Zweites Morgenblatt) meldet eine ausgesprochene Panik und bezeichnet die gestrige Börse als den schwärzesten Tag seit vielen Jahren. Dieser schwere Kurseinbruch hat genau so wie die vorhergegangene Zeit der Hausse für uns unmittelbare Bedeutung, und deshalb bist es gut, wenn man sich darüber klar wird, wie diese Hausse in den letzten Jahren und wie dieser Kurszusammenbruch zustande kam.

          Die Grundlagen der Aktienhausse in Amerika sind nicht allein in der stetigen, durch Krediterleichterung begünstigen gewerblichen Konjunktur zu suchen. Eine starke Anregung ging von der kräftigen Spekulation selber aus, die sich bis Ende 1927 besonders leichter Kreditverhältnisse erfreute. Die danach folgende Verknappungspolitik der Federal Reserve Banken, die seit langem die Kursübersteigerungen mit Sorge beobachten, griff aber nicht stark genug durch, so daß die Chance, an den stetigen Kurssteigerungen zu profitieren, in Wirkung blieb und das Spekulationsfieber immer breitere Schichten nicht nur der amerikanischen Bevölkerung, sondern auch des Auslandes erfaßte. Nur deshalb war es möglich, jene bedeutenden Emissionsbeträge unterzubringen, die in den letzten Jahren in Amerika herauskamen. Die hohen Sätze für Tagesgeld, die sich im Verlaufe der Hausse einstellten, zogen außerdem beträchtliche Auslandskapitalien an, so daß die Kreditversorgung der Börse auch von dorther erleichert wurde. Dabei mußte naturgemäß auch die gewerbliche Konjunktur in Amerika Anregungen empfangen.

          Vor etwa 5 bis 6 Wochen trat der Umschwung ein. Die Höhe der Kurse war ins Gigantische gewachsen, zu einer Höhe, die dem jetzigen Käufer von Aktien nur eine sehr geringe Rendite verspricht. Das mußte auch die ausländischen Spekulanten ermüden, die nun ganz offensichtlich dabei sind ihre in Amerika arbeitenden Gelder zurückzuziehen. Die Diskonterhöhung in England und Skandinavien hat dabei wohl geholfen. Welchen Umfang die Kapitalrückwanderungen haben und haben werden, ist heute noch nicht zu übersehen; aber die schwachen Dollarkurse der letzten Zeit zeigen ziemlich deutlich, daß ihr Umfang nicht gering gewesen sein kann. Dabei haben die mattere Haltung der Börsen in Europa und die allgemeinen Kurssenkungen die Anziehungskraft dieser Märkte erhöht. Nachdem einmal das amerikanische Publikum und Teile der Berufsspekulation ihre Zuversicht in den Fortgang der Hausse verloren zu haben schienen, kam das spekulative Gebäude ins Wanken.

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          Was der Umschwung für Amerika selbst zur Folge haben wird, läßt sich heute noch nicht übersehen. Es ist möglich, daß die Spekulationsverluste und auch schon das zukünftige Fehlen neuer Kursgewinne weitere Effektenverkäufe, d. h. also weiteren Kursdruck, auslösen wird. Andererseits hat aber die Hochfinanz ein lebhaftes Interesse daran, die Stimmung nicht zu stark verflauen zu lassen, denn de Bestände an unplatzierten Emissionen haben noch einen erheblichen Umfang. Darauf deutet schon die Erklärung des Herrn Lamont hin, der die führenden Bankiers von Wallstreet in den Räumen des Bankhauses Morgan zu einer Konferenz versammelte, und dafür spricht auch die Aeußerung von Michel, des Präsidenten der National City Bank, die beide beruhigend wirken wollten.

          Schwarzer Tag: Am 24. Oktober 1929 versammeln sich viele Menschen gegenüber der New Yorker Börse in New York.

          Die weitere Entwicklung wird aber nicht nur von Stimmungsfaktoren, sondern auch von der Bewegung des New Yorker Tagesgeldsatzes abhängen, und es ist möglich, daß durch Maßnahmen der Krediterleichterung ernstere Stauung vermieden werden kann. Eine Diskontherabsetzung, von der man bereits spricht, würde die Lage noch mehr erleichtern. Ob die gewerbliche Konjunktur in Amerika von diesem Kurseinbruch am Aktienmarkt nachhaltig getroffen wird, ist gleichfalls heute noch nicht zu übersehen. Seit einiger Zeit sind auf Teilgebieten gewisse Ermüdungserscheinungen zu beobachten, einstweilen jedoch ohne ernsteren Untergrund. Es kann fraglich erscheinen, ob der starke amerikanische Konjunkturanstieg der ersten Hälfte 1929 sich fortsetzen wird, es spricht aber manches dafür, daß er wenigstens nicht ins Gegenteil umschlägt, obwohl vielleicht gerade Konsumentenschichten von Kursverlusten betroffen werden mögen.

          Schwerwiegende Folgen für Europa?

          Was bedeutet nun der Kurseinsturz in New York für Europa? Die Rückwanderung europäischer Kapitalien ist naturgemäß von Bedeutung. Ob es darüber hinaus zu einer Wiederbelebung des amerikanischen Kapitalexportes kommt, bleibt zunächst ungewiß angesichts der Verdauungsaufgaben des amerikanischen Kapitalmarktes. Möglich, daß nunmehr der amerikanische Anleihenmarkt, der seit Anfang 1928 rückgängige Kurse zeigt, jetzt zur Belebung kommt und daß auch dem Ausland dort die Unterbringung von Emissionen gelingt. Wenn die Emission der Kreuger & Toll-Werte gestern ohne entschiedenen Erfolg verlief, so ist das angesichts der besonderen Börsensituation begreiflich, besagt aber wohl nichts für die Dauer. Für Deutschland hängt aber von dem Kapitalimport mehr ab als für andere Länder.

          Das alles läßt sich im Moment nicht übersehen; soviel erscheint jedoch gewiß, daß die ungewöhnliche und lang andauernde Anziehungskraft der amerikanischen Kapitalmärkte für europäische Kapitalien beeinträchtigt, wenn nicht gar gebrochen ist. Und das bedeutet schon viel für das vorwiegend kapitalarme Europa. Naturgemäß vollziehen sich solche Umschichtungen nicht von heute auf morgen, und solche möglichen Veränderungen werden sich erst dann auswirken können, wenn die gegenwärtigen Beunruhigungen gewichen ist. Welche Rolle dabei eine gewisse Verstimmung gegen Europa infolge der Häufung von Kreditstörungen gerade in letzter Zeit spielt, muß die Zeit lehren.

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