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Frankfurter Zeitung 18.09.1929 : Was macht eigentlich Mussolini?

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Der Papst und Mussolini unterzeichnen am 11. Februar 1929 die Lateranverträge. Bild: Picture-Alliance

In Italien regiert das faschistische Regime mit harter Hand. Der Streit zwischen Staat und Kirche spitzt sich zu. Denn Mussolini weitet seine Macht zunehmends aus und hat dabei vor allem eine Gruppe im Visier: die Jugend.

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          Der Abschluß der Lateranverträge sollte auch einen Abschluß in der inneren Entwicklung Italiens darstellen. Der italienische Staat hatte über ein halbes Jahrhundert mit der Kirche in latenter und offener Feindschaft gelebt. Nun wurde ein Strich gemacht, der die ganze Periode auslöschen sollte. Man hat darüber gestritten, ob die Kirche oder der Staat am besten dabei weggekommen sei. Der Papst hat die alten Ansprüche auf Wiederherstellung des Kirchenstaates auf die kleine „Vatikanstadt“ reduziert. Das war zweifellos prinzipiell ein großes Opfer, praktisch das einzig mögliche, wenn überhaupt noch ein Schein von weltlicher Souveränität gerettet werden sollte. Mit der Bereinigung dieses alten Konfliktes, der sogenannten „römischen Frage“, hatte sich der italienische Staat von einer Gewissenslast befreit. Es war immerhin keine angenehme Situation gewesen, in einem ganz katholischen Lande, in dem die Geistlichkeit so großen Einfluß besitzt, mit der Kirche in Unfrieden zu leben.

          Außerdem empfand das offizielle Italien die Annexion des Kirchenstaates doch als einen Gewaltakt. Das begangene Unrecht konnte nur dadurch gutgemacht werden, daß man den Gegner zur versöhnlichen Anerkennung der tatsächlichen Zustände brachte. Auf der anderen Seite mußte jedoch ein großes Opfer gebracht werden. In dem  gleichzeitig abgeschlossenen Konkordat wurde der Kirche eine legale Machtstellung eingeräumt, die von Anfang an nicht bloß in den alten liberalen Kreisen mit schweren Bedenken betrachtet wurde. Im Senat hatte der bekannte Philosoph Croce einen feierlichen Protest gegen die Lateranverträge eingelegt.

          Daß die politische Entwicklung stillstehen werden, hat Mussolini selbst kaum geglaubt. In der Tat waren noch vor der Ratifikation der Verträge zwischen ihm und dem Papst wenig freundliche öffentliche Kundgebungen erfolgt. Inzwischen hat sich ein richtiger Kampf zwischen Staat und Kirche entwickelt. Es ist so weit gekommen, daß Mussolini in seiner letzten Rede sich wegen der Beschlagnahme einiger katholischer Zeitungen sozusagen entschuldigte. Er meinte, von dieser Beschlagnahme bis zu dem napoleonischen Vorgehen gegen die Kirche oder bis zum Kulturkampf Bismarcks sei noch ein weiter Weg. Das ist Gewiß richtig, aber der Weg scheint beschritten zu sein, und es fragt sich, ob an einer bestimmten Stelle plötzlich halt gemacht werden kann.

          Wenn unter dem vorfaschistischen Regime die liberale Weltanschauung mit der Kirche um die Seele des Volkes rang, so befindet sich heute der Faschismus genau in derselben Lage. Die geistige Einstellung des Faschismus ist selbstverständlich eine andere. Er lebt noch immer von der theoretischen Fehde gegen den Liberalismus und Demokratie. Aber er erhebt von seinem Standpunkt aus den entschiedensten Anspruch auf die Erziehung der Jugend, und das ist der Punkt, an dem die Kirche nicht nur Widerstand leistet, sondern mit dem gleichen und ebenso energisch vertretenen Anspruch auftritt. Mussolini hat ihr in weitem Maße die Schule überlassen. Er versucht aber, durch die Jugendorganisationen die heranwachsenden Staatsbürger ganz in seine Bahnen hinüberzuziehen. Die tatsächlichen Jugendverbände waren mit den bekannten faschistischen Methoden stark bedrängt worden. Die Kirche schien nachgeben zu wollen. Aber vor wenigen Tagen hat der Papst Vertreter der katholischen Jugendorganisationen Italiens empfangen und eine Ansprache gehalten, die keineswegs Verzicht bedeutet. Er stellt fest, daß der Verband in den letzten Monaten um 50.000 Mitglieder gewachsen sei: „Wenn unter solchen Schwierigkeiten ein derartiges Wachstum möglich war, so muß man sich fragen, ob es nicht am Platze wäre, Gott um eine Vermehrung dieser Schwierigkeiten anzuflehen.“

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          Der Papst wies weiter darauf hin, daß die Zugehörigkeit zu einem katholischen Verbande mit Nachteilen im bürgerlichen Beruf verbunden sei. Er sprach von den verschiedenen Stufen des Martyrium der treuen Erfüllung der Alltagspflichten an die Seite. In dieser Reihe dürfe das Martyrium der katholischen Jugend nicht fehlen. Im übrigen warnte er vor den zahlreichen Spähern, die die katholischen Verbände umlauern.

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