https://www.faz.net/-gpf-7rj9n

Frankfurter Zeitung 14.07.1914 : Rosa Luxemburgprozeß und Soldatenmißhandlungen

Bild: Wolfgang Eilmes

Frankfurter Zeitung vom 14.07.1914 Drittes Morgenblatt, Seite 2. So berichtete die Zeitung vor 100 Jahren.

          1 Min.

          Die Frankfurter Sozialdemokratie hatte für gestern Abend in den großen Saal des Kaufmännischen Vereins eine Versammlung einberufen, in der Rechtsanwalt Dr. Levi, einer der Verteidiger in dem Prozeß, den der Kriegsminister wegen Beleidigungen der deutschen Armee gegen Frau Rosa Luxemburg angestrengt hat, über den bisherigen Verlauf des Prozesses und die Soldatenmißhandlungen in der deutschen Armee sprach. Er warf dem Kriegsminister vor, daß er im Berliner Gerichtssaal vor der kleinen Genossin Rosa Luxemburg die Flucht ergriffen habe, wie die preußische Armee im Jahre 1806 und rief aus: „Und wenn der Kriegsminister die Wahrheit nicht aus einem Munde im Berliner Gerichtssaal hören wollte, so soll er es jetzt in ganz Deutschland tausendfach hören: daß tagtäglich in den deutschen Kasernen Soldaten von ihren Vorgesetzten mißhandelt werden.

          Der Redner erging sich dann noch in längeren Ausführungen über die Soldatenmißhandlungen in der Armee und meinte zum Schluß: Der tiefere Grund der Soldatenmißhandlung liegt darin, daß das deutsche Volksheer in zwei Jahren zu einem Kadavergehorsam erzogen werden muß, in dem die Soldaten schließlich auf Vater und Bruder schießen. Die Erziehung zum Kampf gegen den inneren Feind hat Reichskanzler Graf Caprivi im Reichstage selbst als den Hauptgrund für eine möglichst straffe militärische Disziplin angegeben. Deshalb werden wir, wenn wir die Soldatenmißhandlungen beseitigen, auch die Möglichkeit beseitigen, deutsche Soldaten dazu zu erziehen, auf ihre deutschen Landsleute zu schießen. Und dann fällt der Gegenwärtige Staat zusammen wie ein Kartenhaus. Auch aus deutschen Soldatenkehlen muß der Ruf erklingen: Nieder mit der Sklaverei, es lebe die Freiheit! Der Kriegsminister hat den Prozeß gegen einen Redakteur des „Vorwärts“, der unter derselben Anklage stand, wie Rosa Luxemburg, niederschlagen lassen. Er will das Zeugnis der Lebenden nicht hören. Aber es wird auch die Stunde kommen, wo er dieses Zeugnis wird hören müssen. – In der Diskussion ergänzte noch Reichstagsabg. Dr. Quarck die Ausführungen des Referenten, worauf der Vorsitzende Wittich um 11 Uhr die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie schloß.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.