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Frankfurter Zeitung 19.10.1930 : Thomas Mann appelliert an die Vernunft der Deutschen

  • Aktualisiert am

Eine deutsche Ansprache: Thomas Mann am Rednerpult im Berliner Beethoven-Saal. Bild: Picture-Alliance

Bei der Reichstagswahl im Oktober 1930 stieg der Stimmanteil der Nationalsozialisten sprunghaft um ein Vielfaches an. Schriftsteller Thomas Mann ist besorgt und richtet einen Appell an die Deutschen. Die Frankfurter Zeitung ordnet seine Rede ein.

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          Thomas Mann hielt gestern vor einem großen und ausgesuchten Berliner Publikum, unter dem sich auch der preußische Kultusminister befand eine „politische Ansprache“. Der Augenblick, den Thomas Mann, der in der ersten Reihe der heutigen deutschen Schriftsteller steht, für seine Aktion gewählt hat, ließ bereits vermuten, daß es Widerspruch geben werde, und die deutlichen, übers Literarische zu politischen Feststellungen und Bekenntnissen vorstoßenden Formulierungen gaben dem Widerspruch Ansatzpunkte. Wir vermögen das nicht zu bedauern, sondern sehen darin nur einen Beweis für die Wirkung des Vortrages, für den es nur ein schlechtes Zeugnis gewesen wäre, wenn er nirgendwo Widerspruch geweckt hätte.

          Der Redner, der sich als Kind des deutschen Bürgertums bekannte, gab eine kurze Kritik des Versailler Vertrages. Deutschland sei im Kriege geführt worden von einem Herrschaftssystem, das im Kampfe um sein eigenes Fortbestehen es mit dem Volk und dem Lande zum äußersten habe kommen lassen. Gegen dieses Herrschaftssystem habe sich der kriegerische-demokratische Tugendmut unserer Gegner gerichtet. Aber deren demokratische Humanität habe beim Friedensschluß nur sehr bruchstückweise Wort gehalten.

          Den Versailler Vertrag für eine magna charta Europas zu halten, sei ein Gedanke, der dem Leben und der Natur zuwiderlaufe. Es sei kein haltbarer Zustand, daß inmitten von bewaffneten und auf ihren Waffenglanz stolzen Völkern Deutschland entwaffnet dastehe und der Pole in Polen und der Tscheche auf dem Wenzelsplatz ihren Mut an Deutschen kühlen konnten. Thomas Mann wandte sich weiter gegen die absurden Grenzregelungen im Osten, gegen das niemanden heilsame, auf dem vae victis aufgebaute Reparationssystem, gegen die Verständigungslosigkeit des jakobinischen Staatsgedankens für das deutsche Volksgefühl der Minderheiten. Dazu kamen Zweifel, ob die im westeuropäischen Sinne parlamentarische Verfassung dem deutschen Wesen vollständig angemessen sei, ob sie seine politische Sittlichkeit nicht im gewissen Grade entstelle. Das sei um so quälender, als im Grunde niemand bessere Vorschläge zu machen wissen und es dem Deutschtum vorläufig nicht gelinge, etwas originelles zu finden. Denn die Versuche, die wir anderswo in Europa sähen, die Diktatur einer Klasse, oder die demokratisch gefärbte Diktatur eines cäsarischen Abenteuers, sei dem Deutschen noch volksfremder.

          Nahrung für den Nationalsozialismus

          Der Redner beschrieb dann die Kräfte, die nach seiner Meinung den Nationalsozialismus genährt hätten. Vor allem die Empfindung einer Zeitwende, einer neuen Seelenlage, die mit dem bürgerlichen Fortschrittsglauben nichts mehr zu schaffen habe. Es erscheine das Seelendunkel des mütterlich-chthonischen als Lebenswahrheit; in dieser Darstellung erscheine schließlich als letzter Ursprung des Nationalsozialismus der orgiastische Naturkult des Moloch und der Astarte. Unter den weiteren Sukkurskräften des Nationalsozialismus nannte er professorale Verstiegenheiten und Abgeschmacktheiten des deutschen Geistes mit Begriffen wie völkisch, rassisch, bündisch (Unruhe); diese Strömung vermische sich auf der anderen Seite mit einer primitiven massendemokratischen Jahrmarktsroheit, die dieselbe sei, die auch Boxmeetings und überzahle Stars in die Höhe bringe.

          Mit seiner „Deutschen Ansprache“ reagierte Schriftsteller Thomas Mann auf das Ergebnis der Reichstagswahl 1930.
          Mit seiner „Deutschen Ansprache“ reagierte Schriftsteller Thomas Mann auf das Ergebnis der Reichstagswahl 1930. : Bild: Picture-Alliance

          Entlaufen schiene die Menschheit wie eine Bande loßgelassener Schuljungen aus der idealistisch-humanistischen Schule des neunzehnten Jahrhunderts, gegen dessen Moralität unsere Zeit einen wilden Rückschlag darstelle. Aber was beweise die Gewalt? Sie beweist sich selbst, sonst nichts. Der exzentrischen Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit entspreche eine Politik im Groteskspiel, mit ihrem derwischmäßigen Wiederholen von Schlagworten. Sei das deutsch? Sei der Fanatismus in einer tieferen Seelenschicht des Deutschtums wirklich zu Hause? Sie der Nationalsozialismus nicht vielleicht ein Koloß auf tönernen Füßen, an Dauerhaftigkeit nicht zu vergleichen mit der Macht der Sozialdemokratie? Sei das Wunschbild einer primitiven, blutreinen, herzens- und verstandesschlichten, hackenzusammenschlagenden, blauäugigen Biederkeit überhaupt zu verwirklichen? Die Würde eines Volkes wie des unsrigen könne nicht die Würde der Einfalt, sondern nur die Würde des Geistes sein, und diese weise den Veitstanz des Nationalsozialismus von sich.

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