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Frankfurter Zeitung 20.04.1930 : Was soll ich nur werden?

  • Aktualisiert am

Dreißigerjahre: Ein Arbeiter bei der Gummiproduktion. Bild: Picture-Alliance

In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit fällt die richtige Berufswahl schwer. Ein Berufsberater klärt deshalb, welche Berufe sich noch zu lernen lohnen – und hat eine sehr klare Empfehlung.

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          Berufsaussichten scheinen heutzutage Berufsgeheimnis der Berufsämter zu sein. Diese geben ihre Kenntnisse nur in kleinen Dosen weiter. Wenn irgendwo ein Beruf bekannt wird, der für die nächsten Jahre einige gute Aussichten bietet, so geht die Kunde davon sehr schnell durch alle Berufsämter Deutschlands. Verständlich, daß jedes Amt möglichst von dieser neuen Aussicht profitieren will, denn es gibt so wenig berufe, die man den ratsuchenden jungen Leuten empfehlen kann. Es ist wirklich kein leichter Beruf, Berufsberater zu sein.

          Empfiehlt man einen Beruf, so ist sicher soeben in einer Fachzeitschrift eine Warnung dagegen erschienen, und gleich hagelt es Beschwerden. Man hilft sich, indem man möglichst überhaupt nicht einen bestimmten Beruf empfiehlt, sondern man stellt mit mehr oder weniger vollkommenen Mitteln die Berufseignung fest, vermittelt auch in die vorhandenen Lehrstellen, im übrigen aber überläßt man den jungen Leuten die endgültige Berufswahl selbst.

          Es gibt also kaum einen Beruf, von dem man heute ohne Einschränkung sagen könnte: „Die Aussichten sind gut“. Sondern es gibt nur einige Gruppen, bei denen man sagen kann: „Die Aussichten scheinen gut zu sein“. Selbst wenn für den Augenblick die Konjunktur gut ist, kann ja bis zum Abschluß der Ausbildung schon wieder eine Aenderung eingetreten sein. Die günstigsten Aussichten hat heute unbestritten der Theologe.

          Theologen aller Konfessionen sind gesucht. Das Idyll des Landpfarrers lockt nicht mehr in unserer von Technik erfüllten Zeit. Die Kirche hat sich schon zu helfen versucht, indem sie einen neuen Frauenberuf geschaffen hat, den der Pfarrerhelferin. In der evangelischen Gemeinde kommen die Helferinnen zu selbstständigen Pfarrstellen; die katholischen Helferinnen bleiben stets dem Geistlichen untergeordnet. Und noch ein theologischer Beruf bietet Aussichten, der des Diakon. Für ihn sind keine Berechtigungen vorgeschrieben, es kann jedermann zugelassen werden. Ein neuer Beruf ist der des Gefängnisfürsorgers: Juristen, Sozialwissenschaftler, Theologen werden zu ihm ihren Weg finden. Im Lehrberuf bieten sich noch einige Aussichten. Sowohl für Studienräte als Volksschullehrer gibt es bald wieder offene Stellen, die endgültige Entscheidung darüber trifft aber die Bevölkerungsbewegung.

          Einen gewissen Ausgleich zu den schwindenden Berufsmöglichkeiten bieten die Spezialisierungen. Es gibt eine ganze Reihe neuer Spezialberufe, die allerdings nicht für Massen, aber immer für einige gute Fachleute aufnahmefähig sind. Da sind besonders verschiedene Ingenieurarten. Brauereiingenieure, Zuckeringenieure, Lichtingenieure, Kulturbau- und Wirtschaftsingenieure sind gesucht. Alle diese Ingenieure erhalten ihre Spezialausbildung auf besonderen Fachschulen.

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          Der Brauereiingenieur ist Chemiker, ebenfalls der Zuckerfabrikingenieur, der Lichtingenieur ist Physiker, der Wirtschaftsingenieur braucht einige Semester Wirtschaftswissenschaft, ehe er das Spezialinstitut besuchen und schließlich den Dr. ing. erwerben kann. Auch die Landwirtschaft hat einen neuen Beruf, den des Kulturbauingenieurs geschaffen. Neben diesen akademischen Berufen gibt es die entsprechenden mittleren Berufe der Techniker. Da ist insbesondere in der Brauindustrie gute Aussicht für den Braumeister. Obersekundarreife, 3- bis 4jährige praktische Tätigkeit und der Besuch der Brauereifachschule sind die Voraussetzungen.

          Berufswunsch „Oberfischmeister“?

          Begehrt sind immer Molkereifachleute, die sich insbesondere auf das Käsemachen verstehen müssen. Gesucht sind Mühlenbau-, Lüftungs-, Heizungstechniker und neuerdings besonders der Landwirtschaftstechniker. Das ist der Mann, der den großen Maschinenpark großer Güter zu warten und zu bedienen hat.

          Naturwissenschaftler können Geflügelzuchtmeister werden, die haben Aussicht als Fischereibiologen und können dabei den stolzen Titel eines „Oberfischmeisters“ erreichen. Zeichnerisch begabte Naturwissenschaftler haben Aussicht als wissenschaftliche Zeichner. Chemiker haben mannigfache Spezialisierungsmöglichkeiten. Da ist besonders gesucht der Pelzfärberei-Chemiker, der unechte Pelze in echte zu verwandeln hat.

          Ein Beruf, der von der Jugend sehr erfragt wird, ist der des Fliegers. Die Aussichten sind aber nicht sehr günstig, weil die Aussiebung der Bewerber sehr streng ist und außerdem die Ausbildung etwa 15 000 Mark kostet. Da ist es schon praktischer, Luftbildtechniker zu werden. Photographen oder Vermessungstechniker können in diesem Berufszweig eine interessante und auch lohnende Beschäftigung finden. Photographische Begabung führt noch zu mehreren Berufen. Filmphotographen, Pressephotographen, Lehrfilmphotographen, die etwas können, machen leicht ihren Weg.

          Gefragt wie sonst keiner: Ein Priester segnet Kinder. Um 1930.
          Gefragt wie sonst keiner: Ein Priester segnet Kinder. Um 1930. : Bild: Picture-Alliance

          Im kaufmännischen Berufe ist die Spezialität der Treuhänder begehrt. Je komplizierter das Steuerwesen wird, um so mehr stellen Firmen Treuhänder an. Auch gute stenographische Kenntnisse helfen weiter. Der Parlamentsstenograph, der Pressestenograph sind gesuchte Leute.

          Im Handwerk sind neue Berufe entstanden. So ist ein sehr begehrter Mann der Autogenschweißer. Der Bedarf ist so groß, daß vielfach Schlosser und Schmiede umgestellt werden müssen. Die Lehrzeit für Autogenschweißer beträgt vier Jahre, es werden besonders viel metallurgische Kenntnisse verlangt.

          Frauen haben es noch schwerer

          Für die jungen Mädchen ist die Situation noch schwieriger als für die Jungen. Trotz aller Emanzipation gibt es noch nicht ebensoviel Frauen- wie Männerberufe. Auch hier gilt wieder, daß einzelne besonders befähigte Mädchen sich schon durchsetzen. Als besondere Frauenberufe werden genannt die Röntgenschwester, die technische Zeichnerin, die Gewerbelehrerin. Immer mehr werden auch Mädchen mit guter Bildung Hebammen und zugleich Säuglingspflegerinnen.

          Das sind nur Tips. Alle die jungen Leute, die nicht recht wissen, was sie mit sich anfangen sollen, bei denen eigenes Wollen, elterliche Wünsche, Ratschläge von Onkel und Tanten noch etwas durcheinandergehen, nehmen am zweckmäßigsten den Weg zum Berufsamt. Wenn hier auch nicht alles gewußt wird, so hat die Erfahrung, die Beschäftigung mit diesen Dingen doch die Möglichkeit geschaffen, den jungen Menschen wenigstens auf den Weg zu helfen.

          Hintergrund

          Der neue Wohlstand in der Weimarer Republik konnte nur wenige Jahre gehalten werden. Mit der Weltwirtschaftskrise schnellten die Arbeitslosenzahlen weltweit in die Höhe. Allein in Deutschland wuchs sie von 8,5 Prozent im Jahr 1929 auf den Höchststand von 29,9 Prozent im Jahr 1932 – fast sechs Millionen Menschen hatten keine Arbeit.

          Und auch wer beschäftigt war, musste in dieser Zeit mit geringerem Einkommen leben, denn auch die Reallöhne sanken. So verelendeten bis zum Ende der Weimarer Republik ganze Bevölkerungsschichten. Resignation und Verzweiflung waren die Folge – was sich die NSDAP zunutze machte und zunehmend Wählerstimmen auf sich vereinen konnte (rere.).

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