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Frankfurter Zeitung 20.04.1930 : Was soll ich nur werden?

  • Aktualisiert am

Berufswunsch „Oberfischmeister“?

Begehrt sind immer Molkereifachleute, die sich insbesondere auf das Käsemachen verstehen müssen. Gesucht sind Mühlenbau-, Lüftungs-, Heizungstechniker und neuerdings besonders der Landwirtschaftstechniker. Das ist der Mann, der den großen Maschinenpark großer Güter zu warten und zu bedienen hat.

Naturwissenschaftler können Geflügelzuchtmeister werden, die haben Aussicht als Fischereibiologen und können dabei den stolzen Titel eines „Oberfischmeisters“ erreichen. Zeichnerisch begabte Naturwissenschaftler haben Aussicht als wissenschaftliche Zeichner. Chemiker haben mannigfache Spezialisierungsmöglichkeiten. Da ist besonders gesucht der Pelzfärberei-Chemiker, der unechte Pelze in echte zu verwandeln hat.

Ein Beruf, der von der Jugend sehr erfragt wird, ist der des Fliegers. Die Aussichten sind aber nicht sehr günstig, weil die Aussiebung der Bewerber sehr streng ist und außerdem die Ausbildung etwa 15 000 Mark kostet. Da ist es schon praktischer, Luftbildtechniker zu werden. Photographen oder Vermessungstechniker können in diesem Berufszweig eine interessante und auch lohnende Beschäftigung finden. Photographische Begabung führt noch zu mehreren Berufen. Filmphotographen, Pressephotographen, Lehrfilmphotographen, die etwas können, machen leicht ihren Weg.

Gefragt wie sonst keiner: Ein Priester segnet Kinder. Um 1930.
Gefragt wie sonst keiner: Ein Priester segnet Kinder. Um 1930. : Bild: Picture-Alliance

Im kaufmännischen Berufe ist die Spezialität der Treuhänder begehrt. Je komplizierter das Steuerwesen wird, um so mehr stellen Firmen Treuhänder an. Auch gute stenographische Kenntnisse helfen weiter. Der Parlamentsstenograph, der Pressestenograph sind gesuchte Leute.

Im Handwerk sind neue Berufe entstanden. So ist ein sehr begehrter Mann der Autogenschweißer. Der Bedarf ist so groß, daß vielfach Schlosser und Schmiede umgestellt werden müssen. Die Lehrzeit für Autogenschweißer beträgt vier Jahre, es werden besonders viel metallurgische Kenntnisse verlangt.

Frauen haben es noch schwerer

Für die jungen Mädchen ist die Situation noch schwieriger als für die Jungen. Trotz aller Emanzipation gibt es noch nicht ebensoviel Frauen- wie Männerberufe. Auch hier gilt wieder, daß einzelne besonders befähigte Mädchen sich schon durchsetzen. Als besondere Frauenberufe werden genannt die Röntgenschwester, die technische Zeichnerin, die Gewerbelehrerin. Immer mehr werden auch Mädchen mit guter Bildung Hebammen und zugleich Säuglingspflegerinnen.

Das sind nur Tips. Alle die jungen Leute, die nicht recht wissen, was sie mit sich anfangen sollen, bei denen eigenes Wollen, elterliche Wünsche, Ratschläge von Onkel und Tanten noch etwas durcheinandergehen, nehmen am zweckmäßigsten den Weg zum Berufsamt. Wenn hier auch nicht alles gewußt wird, so hat die Erfahrung, die Beschäftigung mit diesen Dingen doch die Möglichkeit geschaffen, den jungen Menschen wenigstens auf den Weg zu helfen.

Hintergrund

Der neue Wohlstand in der Weimarer Republik konnte nur wenige Jahre gehalten werden. Mit der Weltwirtschaftskrise schnellten die Arbeitslosenzahlen weltweit in die Höhe. Allein in Deutschland wuchs sie von 8,5 Prozent im Jahr 1929 auf den Höchststand von 29,9 Prozent im Jahr 1932 – fast sechs Millionen Menschen hatten keine Arbeit.

Und auch wer beschäftigt war, musste in dieser Zeit mit geringerem Einkommen leben, denn auch die Reallöhne sanken. So verelendeten bis zum Ende der Weimarer Republik ganze Bevölkerungsschichten. Resignation und Verzweiflung waren die Folge – was sich die NSDAP zunutze machte und zunehmend Wählerstimmen auf sich vereinen konnte (rere.).

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