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Frankfurter Zeitung 10.10.1929 : Rüstet der Stahlhelm sich für einen Bürgerkrieg?

  • Aktualisiert am

Anhänger des „Stahlhelms“ demonstrieren in den Straßen Berlins 1929 für das Volksbegehren gegen den Young-Plan. Bild: akg-images / TT News Agency / SV

Der preußische Innenminister verbietet den Wehrverband im Rheinland und in Westfalen. Dort soll der Stahlhelm militärisch ausgebildet haben. Es wird befürchtet, dass der Verband einen Krieg gegen den eigenen Staat plant.

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          Wir sind als Demokraten niemals Verehrer innerpolitischer Gewaltmaßnahmen gewesen. Freie Meinungsäußerung, Versammlungs- und Vereinsfreiheit sind die unentbehrlichen Grundlagen einer gesunden Demokratie. Wir wollen, daß unserer demokratische Deutsche Republik ein Staat der Freiheit sei. Wir wollen aber keineswegs, daß dieser Staat unter der Maske eines formalen Freiheitsbegriffes sich zum Spiel und Gespött gewalttätiger Gesellen machen lasse.

          Die preußische Regierung hat jetzt sämtliche Stahlhelmorganisationen in den westlichen Provinzen Rheinland und Westfalen verboten. Sie würde das gewiß nicht getan haben, wenn sie nicht sehr stichhaltiges Material dafür besäße, daß mindestens in diesen Provinzen die Bestätigung des Stahlhelms gegen die Staatsgesetze verstößt. Am 21. und 22. September haben nördlich der Wupper zwei Stahlhelmverbände eine große „Gelände-Uebung“ abgehalten, deren militärischer Ausbildungs-Charakter offenbar außerhalb jedes Zweifels festgestellt werden konnte. Wir haben bereits heute morgen kurz darauf hingewiesen, daß damit für den Stahlhelm selbst kein Ausnahmefall gegeben ist. Ueberall bildet er seine Leute militärisch aus. Nur geschieht das meistens in einem kleineren Maßstabe, der die polizeiliche Feststellung des Tatbestandes offenbar ziemlich erschwert.

          Nach außen hin sucht man solche Gesetzesverletzungen natürlich zu maskieren. Zuweilen gelingt das nur mangelhaft. So hat kürzlich die Stahlhelmleitung selbst über eine „Führertagung“ ihres Mitteldeutschen Landesverbandes in Erfurt berichtet, mit Vorsicht, aber doch nicht vorsichtig genug, um nicht erkennen zu lassen, was da „gespielt“ wird. Es war gerade acht Tage nach jener großen rheinischen „Uebung“, von der die Regierung feststellt, daß da eine Truppe ausgebildet worden sei, um „als solche nach militärischen Gesichtspunkten kämpfend auftreten“ zu können. In Erfurt also hat Herr Diesing, „Jungsta-Sachberater des L. B. Mitteldeutschland“, über „Geländesport im Jungstahlhelm“ reserviert. Zuerst wird natürlich als sozusagen polizeiliche Sicherung solcher Instruktion an ein „ausdrückliches Verbot“ der Bundesführung erinnert, Jungsta-Unternehmungen militärisch aufzuziehen. Dann wendet sich der Instrukteur gegen den romantisch verschwommenen Wanderbetrieb. „Wir legen Wert auf gesunden Realismus.“ Erster Punkt dieses Realismus: Kartenlesen. Zweiter Punkt: Spähertrupps. Dritter Punkt: Geländespiele, nämlich „Versteck-. und Suchspiele, Begegnungsspiele, Fluchtspiele-. und Verfolgungsspiele, Ueberfälle.“ Harmlose Spiele? Auf den ersten Blick zeigen sie sich als eine musterhaft lückenlose Aufzählung sämtlicher Uebungen, die in unserer Preußischen Felddienstordnung vorgeschrieben waren.

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          Niemand, der Soldat gewesen ist, wir das leugnen, ohne dabei mit den Augen zu zwinkern. Niemand, der den Stahlhhelm bisher eingermaßen beobachtet hat, kann bestreiten, daß diese militärische Ausbildung allerwärts in Deutschland von ihm getrieben worden ist. Nun hat man endlich einmal dort zugegriffen, wo der Charakter des militärischen Manövers, eines Manövers übrigens, dem der Bundesführer Seldte persönlich beigewohnt hat, ganz offen zutage trat.

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