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Frankfurter Zeitung 13.06.1930 : Max Schmeling wird Weltmeister im Boxen

  • Aktualisiert am

Fäuste sprechen lassen: Schmeling (links) und Sharkey kämpfen in New York um den Titel. Bild: Picture-Alliance

Nur durch ein Foul seines Gegners wird Max Schmeling Box-Weltmeister. Über ein Sportereignis, das damals nicht nur 80.000 Fans im Stadion empörte, Fachsimpelei – und ein ungeheuerliches Gerücht.

          4 Min.

          Der Vorkampf um die Weltmeisterschaft aller Gewichtsklassen, der am Donnerstag abend im Yankee. Stadion bei New York ausgetragen wurde, nahm ein bedauerliches Ende. Sharkey führte bis zur vierten Runde klar nach Punkten, mußte aber in der Pause zwischen der vierten und fünften Runde wegen eines Tiefschlages disqualifiziert werden, so daß eigentlich der Geschlagene zum Sieger wurde. Unser New Yorker Korrespondent berichtet uns über diesen Kampf folgendes:

          Kampfbericht

          „New York, 12. Juni. Schon im ersten Moment des Kampfes schien der Amerikaner Sharkey dem Deutschen Max Schmeling offensichtlich überlegen zu sein. Schmelings Deckung erwies sich gegen den ausgezeichneten „linken Geraden“ Sharkeys als viel zu schwach, so daß der Deutsche ungezählte Gesichtstreffer hinnehmen mußte. Schmelings Taktik zielte daraufhin, diese gefährliche Linke seines Gegners durch tief gebückte Haltung zu unterlaufen und dadurch wirkungslos zu machen.

          Aber Sharkey konnte mit Leichtigkeit seinen Gegner auch in dieser schwer zu bekämpfenden Defensiv-Stellung mit seiner schnellen und genauen Linken in Schach halten.

          Schmeling hatte zwar auch einige gute Momente, aber er mehrere Doppelhaken am Kopf seines Egners landete, aber Sharkey konnte diese Treffer fast immer gleich erwidern. In der vierten Runde schien Schmeling schon von den schweren Treffern, die er hatte einstecken müssen, schwer mitgenommen zu sein. In der Mitte dieser Runde taumelte er deutlich und machte auch schon vor dem Tiefschlag Sharkeys den Eindruck nahe am knock-out zu sein. Sharkeys unfairer Tiefschlag wurde von den 80 000 Zuschauern, die dem Kampf beiwohnten, ausgezischt. Das Publikum war aber objektiv genug, die Entscheidung des Ring-Richters zu beklatschen.“

          Analyse

          Der Bericht unseres Korrespondenten deckt sich vollkommen mit dem Bild, das wir in Nr. 424 vor diesem Kampf skizziert hatten. Ausschlaggebend war die schnelle Linke des Amerikaners, eine ständig arbeitende und durch ihre Härte und Genauigkeit unentwegt gefährliche Angriffswaffe, der Schmeling nur seinen viel gepriesenen Konterschlag entgegenzusetzen hatte. Sein Erfolg baute sich also von vornherein auf Defensiv-Waffe auf, zu deren vollem Gebrauch ihm der Gegner nach den ausführlichen Kampfberichten, die uns vorliegen, nur einmal Gelegenheit bot.

          Die beste Verteidigung ist auch im Boxsport immer noch der Angriff.

          Gegen einen schnellen und routinierten Gegner kann man mit kühlem Warten auf den günstigsten Moment nur dann zum Erfolg kommen, wenn es das Glück will. Wie schwer das aber ist, mußte Schmeling in dem Kampf gegen Sharkey erfahren, der ihn von Anfang unter ein Schnellfeuer seiner linken Geraden nahm und seinen Angriff nicht zur Entwicklung kommen ließ.

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          Nach allen Berichten war Schmeling bis zu dem entscheidenden Foul Sharkeys auf dem Wege, klar zu verlieren. Doppelt peinlich berührt unter diesen Umständen, daß ihm nur wegen eines Vergehens seines Gegners der Sieg zugesprochen werden mußte. Aus dem Bericht von „United Preß“ entnehmen wir

          aus dem Kampf-Verlauf

          folgende Einzelheiten:

          1. Runde: Beide Kämpfer arbeiten vorsichtig, Schmeling sucht oft den Clinch, Sharkey dagegen versucht, sich Schmeling durch gerade Linke vom Leibe zu halten. Schmeling kämpft offensichtlich zurückhalten und muß dem Gegner die Runde mit einem knappen Punktvorsprung überlassen.

          2. Runde: Heftige Schlagwechsel zeichnen diese Runde aus. Schmeling brachte einmal einen harten rechten Haken am Kinn Sharkeys an, mußte aber seinerseits einen schweren Uppercut auf das Herz einstecken.

          Kurz vor dem Kampf: Favorit Jack Sharkey (rechts) und Außenseiter Schmeling präsentieren sich dem Publikum.
          Kurz vor dem Kampf: Favorit Jack Sharkey (rechts) und Außenseiter Schmeling präsentieren sich dem Publikum. : Bild: Picture-Alliance

          3. Runde: Die folgende Runde steht ganz im Zeichen der Angriffe Sharkeys, der den Deutschen mit schweren Kopf- und gesichtshaken an die Seile treibt. Schmelings Gegenangriff wird abgeschlagen; er muß wieder bis an die Seile zurückweichen. Sharkey sucht nun mit aller Gewalt eine schnelle Entscheidung zu erzwingen. Mit ganzen Serien wuchtiger Kopf- und Körperhaken greift er den Deutschen immer wieder an, der sich aber mit großer Ruhe sehr gut deckt. Auch diese Runde gewinnt Sharkey.

          4. Runde: Schmeling ist endgültig in die Defensive gedrängt. Immer wieder trifft ihn Sharkey genau und hart. Der Amerikaner greift jetzt wie ein Wahnsinniger an und landet im Uebereifer einen Schlag unter dem Gürtel auf die Leistengegend. Schmeling geht mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden, aber bei „6“ ertönt der Gong. Der Deutsche ist nach Ablauf der Pause noch immer kampfunfähig.

          Tiefschlag oder kein Tiefschlag?

          Nachdem ihn seine Sekundanten in seine Ecke getragen haben, reklamiert er Tiefschlag. Der Ringrichter, dem im Moment des Fouls die Aussicht durch den Rücken Sharkeys verdeckt war, erkundigt sich bei den Punktrichtern, und da einer der Punktrichter einen einwandfreien Tiefschlag beobachtet hat, verkündigt er, nachdem er lebhaft mit den Managern der beiden Kämpfer debattiert hat, die Disqualifikation Sharkeys und damit den Sieg Schmelings. Der Deutsche war von dem Tiefschlag noch so mitgenommen, daß er der Aufforderung, am Mikrophon einige Worte zu sprechen, nicht folgen konnte.

          Die Feststellung des Kampfgerichts wurde erhärtet durch die Untersuchung des Arztes, der einen einwandfreien Tiefschlag feststellte. Auch Gene Tunney, der frühere Weltmeister, will einen Tiefschlag beobachtet haben.

          Die endgültige Bestätigung werden wohl die Filme bringen, die von diesem Kampf von mehreren Stellen aus aufgenommen wurden.

          Sharkey nahm die Entscheidung des Ringrichter mit erstaunlicher Ruhe entgegen. Schmeling erklärte sich bereit, sich so bald wie möglich für einen Revanchekampf zur Verfügung zu stellen.

          Als Schmeling sich in seiner Garderobe erholt hatte, erklärte er den umstehenden Pressevertretern: „Ich fühle mich wieder ganz wohl; aber ich bin verletzt worden“, wobei er mit den Augen auf seine Leistengegend wies.

          Sharkey schien recht schlechter Stimmung zu sein und protestierte gegen die Beschuldigung, seinem Gegner einen Tiefschlag beigebracht zu haben. „Ich hatte Schmeling an die Seile gedrängt“, erzählte er. „Er verschob seine Deckung, und ich landete einen rechten Haken gegen seinen Magen. Der Schlag traf keine Knochen, das konnte ich fühlen.“

          Sharkeys Manager Buckley war über die Entscheidung des Schiedsrichters außerordentlich empört, und hatte für den Deutschen sehr harte Worte. „Schmeling hat sich wie ein feiger Hund benommen“, rief er. „Von einem Tiefschlag kann gar keine Rede sein.“ Sharkey sei bereit, fuhr er fort, den Deutschen zu jeder zeit und an jedem Ort von neuem entgegenzutreten und ihm zu beweisen, daß er ihn mit Leichtigkeit schlagen könne.

          Das Gerücht, daß Schmeling an den Folgen des Tiefschlages gestorben sei, hat sich nach unseren Informationen nicht bestätigt.

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