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Frankfurter Zeitung 28.11.1929 : Warum sind Studenten plötzlich rechts?

  • Aktualisiert am

Zur Bücherverbrennung am 10. Mai 1933: Nationalsozialistische Studenten ziehen mit Fackeln zum Opernplatz in Berlin. Bild: Picture-Alliance

Rechtsextreme Studentenaufmärsche in Berlin empören die Republik. Doch schuld sei nicht die Jugend selbst – sondern vielmehr eine veraltete Sozialdemokratie. Die solle sich dringlichst erneuern.

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          Wir sind durchaus nicht der Ansicht, daß die Studenten verrückt geworden seien. So rasch geht das nicht. Aber die ersten Anzeichen einer bedrohlichen Entwicklung sind da. Augenzeugen der Berliner Krawalle schreiben uns zwar, daß nur zehn Leute „Juden raus“ geschrien hätten und die anderen ziemlich unbeteiligt gewesen seien. Aber die anderen hielten die Krawallmacher nicht zurück und waren offensichtlich mit ihnen einverstanden.

          Die Frankfurter nationalsozialistische Studentengruppe hat sich unglaubliche Unverschämtheiten gegenüber der anderen Universität erlaubt und mußte deshalb verboten werden. Aber die Studentenversammlungen, in denen u. a. Dr. Ziegler aus Weimar, der jetzige Hauptschriftführer des „Nationalsozialist“, gesprochen hat, waren überfüllt.

          Wir würden nicht empfehlen, über „diese Jugend“ den Kopf zu schütteln. Es ist nicht so, daß die herrschende Generation heute ihr Aeußerstes tue, um die Menschen und Völker aus ihrer Isolation herauszuführen und den Zerfall der menschlichen Energie aufzuhalten – während eine Generation nachwächst, die das alles gar nicht versteht und den halb überwundenen Dummheiten wieder zuneigt.

          Im Gegenteil: die Jugend findet oft, daß zu wenig in der notwendigen Richtung geschehe. Meist befindet sie sich in einer latenten Unzufriedenheit mit der Passivität der Gegenwart. Diese Unzufriedenheit kann von Reaktionären mißbraucht werden, wenn sie sich einen revolutionären Anschein geben.

          Die Möglichkeit dieses merkwürdigen Mißbrauchs ist auf den Hochschulen in besonderem Maße gegeben. Die Atmosphäre ist vom Studentenschaftskonflikt vergiftet. Die preußischen Studentenschaften mußten vor zwei Jahren vom preußischen Kultusminister aufgelöst werden, weil sich ihre Dachorganisation, die „Deutsche Studentenschaft“, mit der Deutschen Studentenschaft in Oesterreich zusammengeschlossen hatte, die nur Arier aufnimmt. Die Oesterreicher waren nicht zu bewegen, ihren Standpunkt zu ändern.

          Die Deutsche Studentenschaft zog ihre „großdeutsche Gliederung“ beim Einvernehmen mit dem Staate vor. An Stelle der aufgelösten preußischen Studentenschaften gründete sie „freie Studentenschaften“, die natürlich keinerlei offizielle Rechte haben. Die großen Korporationsverbände, aber auch eine Anzahl von Freistudenten fühlt sich verpflichtet, diesen neugegründeten Kampfverbänden die Treue zu halten.

          In einer Reihe von Zuschriften an uns wird betont, daß heute immer noch die überwiegende Mehrzahl der Korporationsstudenten republikanisch gesinnt sei. Sie stehe nur im Studentenschaftskonflikt gegen die jetzigen Vertreter der Republik Preußen. Aber es ist gar keine Frage, daß die Feinde der Republik, insbesondere die Nationalsozialisten, aus der jetzigen Situation den größten Gewinn ziehen. Die Lage ist ernst genug.

          Der Kultusminister kann nicht zurückgehen. Eine Wiederanerkennung der preußischen Studentenschaften ist unmöglich. Die Staatsautorität steht auf dem Spiel. Gerade jungen Menschen würde eine Zickzackpolitik nicht imponieren. Der preußische Staat hat sich aus guten Gründen zu seinem Verbot entschlossen. Die einseitige Bundesgenossenschaft mit den österreichischen Antisemiten war in der Tat ein Skandal. Es ist gut, daß er beendet ist. Aber man muß weiter gehen. Es muß im übrigen gearbeitet werden, um eine weitere Entfremdung der Studentenschaft zu verhindern.

          Wenn eine junge Generation in Konflikt mit einer älteren kommt, so ist das nicht unbedingt schlimm. Diese wird dadurch veranlaßt, sich zu energisieren, veraltete Anschauungen abzustoßen und zum mindesten das, was sie meint, in einer wirksameren Form zu sagen. Wenn man tiefer geht, so stößt man vor allen Dingen auf den unausgetragenen Konflikt zwischen Sozialdemokratie und Studenten.

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          Die Sozialdemokratie ist die stärkste Partei der republikanischen Front. Der Umdenkungsprozeß im Sozialismus kommt leider schwer in Fluß. Die Sozialdemokratie hat eine gewisse Neigung, nicht nur mit Vorkriegsgedanken, sondern auch mit Vorkriegsanschauungen hauszuhalten. Sie stellt sich unter dem Gegenwartsstudenten noch immer den privilegierten Jüngling von gestern vor. Es ist nötig, daß sie sich mit dem schwer kämpfenden Studenten von heute, der nicht gerade rosige Zukunftsaussichten hat, endlich einmal auseinandersetze.

          Die Sozialdemokratie hat auch sonst ihrer ursprünglichen Ideologie klügere und praktischere Ansichten abgewonnen. Der Student von heute neigt einer Auffassung zu, die das Wechselspiel von oben und unten und die Aufstiegsmöglichkeit der Begabten bejaht. Er gehört zum „neuen Mittelstand“, der heute sehr wichtig wird. Man wird in der Republik immer die proletarische Melodie, den Gleichklang des arbeitenden Deutschland, hören.

          Aber sind die Studenten nicht auch meistens „Proletarier“? Es ist kein Widerspruch, daneben der geistigen Leistung die volle Ehre zu geben. Der Nationalsozialismus verdankt seine Erfolge einer solchen Synthese, allerdings einer demagogischen Propaganda, auf die kein Verlaß ist. Wenn die Republik dem Studenten ihr volles Gesicht zuwendet, so bedeutet das viel mehr.

          Auch der Student will nicht mehr von den Ueberresten gestriger Lebensformen leben. Wenn er von der Ideologie des arbeitenden Deutschland die Stelle angewiesen erhält, die ihm gebührt, wird er zu ihm stehen. Auch sonst müssen die revidierten Anschauungen einer modernen Demokratie, ihre Führerforderung und der aktive Sinn ihrer Außenpolitik, dem Studenten in einer warmherzigen und überzeugenden Weise nahegebracht werden.

          All das ist möglich, auch schon geschehen, aber es muß in einer anderen, intensiveren Weise als bisher getan werden.

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