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Frankfurter Zeitung 22.07.1929 : Kann der Frieden gesichert werden?

  • Aktualisiert am

Kriegsende des Ersten Weltkriegs: Heimkehr der Truppen am 17. Dezember 1918 in Berlin. Bild: Picture-Alliance

Die Krise zwischen der Sowjetunion und China spitzt sich zu. Doch die Angst vor einem Krieg bleibt verhalten – auch weil ein neuer Apparat der Friedenssicherung Hoffnung schenkt.

          Als die ersten Nachrichten von der neuen Kriegsgefahr im Osten kamen, fühlte man irgendwie – um in den charakteristischen Unbestimmtheiten des Ostens zu – daß, Schlimmste nicht kommen würde. Gewiß, der Konflikt selbst schien in sich nicht unlösbar. Die Russen selbst schienen mit ihrem Ultimatum nur den Weg zu Verhandlungen öffnen zu wollen. Den Nankingern war in ihrer Antwort sichtbar daran gelegen, die Dinge nicht zum Aeußersten zu treiben. Man machte sich die heftigsten Vorwürfe über die unrechtmäßige Behandlung der beiderseitigen Staatsangehörigen, man stritt sich darum, ob ein Vertrag richtig angewandt werde oder nicht, man sicherte gleichzeitig die Grenzen durch Truppen. So pflegten sonst Kriege auszubrechen. Das kleine Vorspiel von Grenzverletzungen scheint gefehlt zu haben. Es war etwas in der Haltung der Gegner, das wie die eigene Ueberwachung aussah, daß es zu solchen dramatischen Formulierungen kommen konnte, obwohl der Konflikt schon lange angekommen und fortgesponnen worden war.

          Trotzdem hätte das unglückselige Prestige – auch darum ging es – zu verhängnisvollen Starrheiten führen können. Eine leise Kriegsbestimmung zitterte durch die Drähte, auf denen die Nachrichten über die Welt eilten. Doch steigerte sich diese Stimmung nicht zur Empfindung einer wirklichen Gefahr. Die Gefahr wäre für uns im Westen gemildert gewesen, da die Gefahrenzone beinahe bei den Antipoden lag. Aber es ist nicht mehr wie im Juli 1914. Etwas hat sich verändert. Die „guten Dienste“, welche die alte Diplomatie zwei in Streit geratenen Parteien anbot, rochen immer ein wenig nach Selbstinteresse. In den letzten Tagen vor Ausbruch des Weltkriegs scheiterten diese Bemühungen sogar an der Furcht, daß der Verbündete die gutgemeinten Mahnung mißverstehen und ungnädig aufnehmen könnte. So rollte das Rad ungehemmt.

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          Wie ist es heute? Noch geben das Netz von Schiedverträgen und der Kellogg-Pakt keine absolute Garantie. Sonst müßte die bloße Existenz eines Strafgesetzbuches alle Verbrechen verhüten. Doch der Apparat der Friedenssicherung ist da. Er braucht nur in Bewegung gesetzt zu werden, und alle haben heute das Recht, ihn in Gang zu bringen. Der Kellogg-Pakt, dessen praktischen Wert man noch nicht allzuhoch einschätzte, der auch noch versagen mag, hat das Verdienst, eine Friedensaktion der Ubeteiligten sofort zu legitimieren. Sie wird zu einer Pflicht aller Unterzeichner des Paktes, der zwar keinen Sinn hätte, wenn er nicht fähig wäre, eine moralisch-politische Einheitsfront gegen einen Kriegsausbruch zu erzeugen. Wir geben uns gar keinen Illusionen hin. Zwischen den edelsten Motiven der Humanität und den Machiavellismen der Realpolitik gibt es heimliche Verwandschaften. Sie mögen auch jetzt am ostasiatischen Konflikt aktiv werden. Aber es kommt auf die Wirkung an. Und vielleicht ist es nur gut, wenn hinter einer Friedensaktion, die aus dem Geiste des Kellogg-Paktes einspringt, doch schon ein paar Schwergewichte der Weltmacht stehen. Die reine über den Dingen stehende Sanktionsgewalt gibt es noch nicht. Auch in Genf nicht. Auch in Genf stehen am Apparat mächtige Sonderinteressen. Aber auch da ist das Primäre, daß der Apparat der Kriegshemmung in Funktion tritt und die Unbeteiligten, die sonst gerne sich die Hände in Unschuld waschen, während sie Gewehr bei Fuß dastehen, zur Aktion der Beilegung heranzieht.

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