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Frankfurter Zeitung 21.01.1930 : Versöhnliches Ende der Haager Konferenz

  • Aktualisiert am

Erste Haager Konferenz im August 1929: Der Young-Plan wird verhandelt. Bild: Picture-Alliance

Deutschland ist erleichtert: Der Young-Plan ist angenommen. Weniger Reparationszahlungen und neues Ansehen in Europa sind die Folge. Und in der Luft liegt ein Hauch deutsch-französcher Annäherung.

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          In der Geschichte gibt es Zufälligkeiten, die oft recht merkwürdig sind. Im Haag ist jetzt das neue Reparationswerk zum Abschluß gekommen. Im Haag hatte vor mehr als zehn Jahren die wirtschaftliche Vernunft zum ersten Male nach dem Weltkrieg ihre Stimme erhoben. Wenn wir an diese Zufälligkeit erinnern, so wollen wir damit nicht behaupten, daß der Young-Plan, der jetzt nach seiner Annahme durch die beteiligten Regierungen internationales Gesetz werden soll, schon in jeder Beziehung der wirtschaftlichen Vernunft entspreche.

          Im Gegenteil, auch in ihm hat leider die Politik noch viel mitgeredet, auch er ist, was die Deutschland aufgebürdeten Lasten betrifft, noch revisionsbedürftig. Immerhin, der obige Hinweis ist von Interesse. Im Haag hatten sich im November 1919 angesehene Finanzleute verschiedener Staaten zusammengefunden, um dort eine Denkschrift aufzusetzen, in der auf die Notwendigkeit hingewiesen wurde, einen gemeinsamen Ausweg aus den wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten Europas zu suchen. Dieses Dokument war in einigen politischen Zentren, namentlich in London, nicht ohne Eindruck geblieben. Ein Anlauf wurde genommen, um die wirtschaftliche Vernunft über die Machtpolitik zu setzen.

          Es entstand im Frühjahr 1920 das Wirtschaftsmanifest des Obersten Rats, des höchsten Exekutivorgans der Friedenskonferenz, es kam im Herbst des gleichen Jahres zu der Brüsseler Wirtschaftskonferenz. Nitti, der damalige Premierminister Italiens, hielt weise Reden, er bekannte sich zur europäischen Solidarität und ließ „die Stimme der Sympathie, der Milde und des Gemeinschaftsgefühls für die Besiegten“ ertönen. So konnte man beginnen zu hoffen.

          Doch es war zu früh, viel zu früh. Die Machtpolitik verdrängte alsbald die wirtschaftlichen Ueberlegungen. Europa wurde von ihr abermals in schwere Zuckungen geworfen. Die Kurve ging in den Abgrund hinab. Sie erreichte mit dem Einbruch der Franzosen und Belgier in das Ruhrgebiet ihren tiefsten Punkt. Die Lage schien dann für den Reparationsschuldner, Deutschland, und für die Reparationsgläubiger katastrophal geworden zu sein. Das brachte die Vernunft wieder einigermaßen zur Geltung. Der Dawes-Plan schuf eine provisorische Reparationsregelung. Und jetzt haben wir den Young-Plan, der auch noch nichts Endgültiges bringt.

          Die Verhandlungen hätten besser laufen können

          Wer zählt die Konferenzen, die abgehalten werden mußten, bis es zu dem heute erreichten Stande kam! Wer mißt die Kraft, die dazu vergeudet wurde, wer mißt die Leiden, die die Folgen einer falschen Politik gewesen sind! Europa hätte fürwahr die Reparationsregelung billiger haben können, wenn seine Staatsmänner, wenn seine Völker vernünftiger gewesen wären. Die Regelung könnte auch heute eine gerechtere, eine wahren wirtschaftlichen Maßstäben mehr entsprechende sein, wenn die wirtschaftliche Vernunft bereits völlig die Oberhand gewonnen hätte.

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          Die Haager Konferenz war ein recht ermüdendes Schauspiel. Sie begann im August des vergangenen Jahres und endete am gestrigen Tage. Die lange Pause, die von Anfang September bis Anfang Januar währte, war ja eigentlich keine Unterbrechung der Konferenzarbeiten, sondern gab zu der mühseligen Erledigung der Detailarbeiten in den Ausschüssen, Unterausschüssen und Organisationskomitees die nötige Zeit, eine viel zu lang hingezogene Zeit. Auf dem ersten Teil des Haager Zusammentreffens der Staatsmänner fanden unter den Gläubigern höchst unerquickliche Kämpfe um die Reparationsbeute statt, um einige in dem Verteilungsplan hier und da noch nicht fixierte Millionen.

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