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Frankfurter Zeitung 19.08.1929 : In 99 Stunden nach Tokio

  • -Aktualisiert am

Schaulustige beobachten das Luftschiff „Graf Zeppelin“. (Ort unbekannt) Bild: Picture-Alliance

Im Osten Asiens markiert „Graf Zeppelin“ eine wichtige Station seiner Weltreise. Das Luftschiff wird unter großem Jubel in der japanischen Hauptstadt empfangen. Ein Redaktionsmitglied berichtet über die Eindrücke von Bord.

          4 Min.

          Funkspruch unseres Redaktionsmitgliedes Max Geisenheymer.
          An Bord “Graf Zeppelin“, 19. August, 7 Uhr japanische Zeit, 18. August 23 Uhr MEZ.

          Copyright 1929 by “Frankfurter Zeitung“ and Kings features inc. New York. (Nachdruck verboten)

          Es ist 7 Uhr japanische Zeit. Seit gestern abend fahren wir über den japanischen Inselgruppen. Jetzt sind wir auf der Höhe von Hokkaido angelangt, und Tokio ist nicht mehr weit.

          Wir haben wahrhaftig Glück. Die Taifune, diese unheimlichen Gesellen, die dem Schiffer in den japanischen Gewässern das Leben schwer machen und uns noch vor wenigen Tagen bedrohen wollten, haben sich eines Besseren besonnen und sind abgezogen. Sie haben uns sogar einige Ausläufer dagelassen, die uns, wenn auch auf einigen Umwegen, vorwärts treiben. Noch ein paar Stunden werden wir in den Lüften lavieren.

          Ueber Tokio.

          Tokio, 19. August (United Preß). 8.45 Uhr (MEZ) erschien “Graf Zeppelin“ über der japanischen Hauptstadt Tokio und ihrem Flughafen Kasumigaura. Alle Straßen und Plätze waren mit dichten Menschenmassen besetzt. Sogar auf die Dächer der Wolkenkratzer war eine große Anzahl der Bewohner geklettert, die dort stundenlang trotz der ungünstigen Witterung ausgeharrt hatten und das deutsche Luftschiff mit Hochrufen und Tücherschwenken begrüßten. Schätzungsweise dürften wenigstens 1 1/2 Million von den Einwohnern Tokios das Schauspiel bewundert haben. 

          Das große Schauspiel. 

          Tokio, 19. Aug. (United Preß.) Auf dem Marineflug von Kasumigaura warteten viele Hunderte Schaulustige trotz strömenden Regens die ganze Nacht hindurch. Am frühen Morgen setzte dann von allen Richtungen ein gewaltiger Zustrom von Menschen ein. Die Menge, die zur Zeit hier versammelt ist, dürfte etwa 20.000 Personen betragen. Gegen Mittag begann sich das Wetter etwas aufzuklären. Die Zeitungsberichterstatter finden für ihre Berichterstattung große Schwierigkeiten, da es an Telephonen mangelt. Einige benutzen deswegen Brieftauben für ihre Berichterstattung. Flugzeuge mit Photographen und eine Reihe Militärflieger sind aufgestiegen, um dem Zeppelin entgegenzufliegen un ihm das Geleit zu geben. Kurz vor 12 Uhr traf das offizielle Empfangskomitee aus Tokio ein. Die Begrüßungszeremonien werden nach dem Schintoritus  erfolgen, wobei den Göttern ein Opfer von getrockneten Kastanien, gedörrtem Fleisch und Reiswein dargebracht wird. 

          Die Fahrt über Japan.

          Tokio, 19. August  (United Preß.) Um 0.20 Uhr (MEZ) überflog “Graf Zeppelin“ Iunahara in der Nähe des Vulkans Komajataka im südlichen Teil der Insel Hokkaido. Auf dem Flugplatz Kasumigaura herrscht sehr warmes Wetter. Die Luft ist etwas dunstig, da am Morgen Regen gefallen ist.
          Der Zeppelin befindet sich jetzt über dem Stillen Ozean in der Nähe der Stadt Schiriha und folgt der Küste bis zum Flugplatz Kasumigaura. Das Luftschiff hatte in den letzten Stunden schwer mit Regen und Nebel zu kämpfen, jedoch gelang es, mit verminderter Geschwindigkeit den Kurs einzuhalten. Beim Ueberfliegen der Insel Hokkaido war das Luftschiff überall gut sichtbar. Eckener teilte mit, daß seine Durchschnittsgeschwindigkeit 110 Kilometer pro Stunde beträgt. Gleichzeitig gibt er bekannt, daß er voraussichtlich am Donnerstag bei Tagesanbruch vom Flugplatz Kasumigaura nach Los Angeles starten wird. 

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          Um 2.30 Uhr (MEZ) war der “Graf Zeppelin“ in der Nähe der Stadt Rubefaki an der Ostküste der japanischen Hauptinsel Hondo.

          Um 3.30 vorm (MEZ) befand sich “Graf Zeppelin“ 10 Kilometer von Mijako an der Okstküste der Insel Hondo.

          Tokio, 19. Aug. (United Preß.) Um 7.10 Uhr (MEZ) befand sich “Graf Zeppelin“ auf der Höhe von Omahama, 90 Kilometer nördlich von Tokio, an der japanischen Küste.

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