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Frankfurter Zeitung 02.03.1930 : Ein Fußballspiel für die Massen

  • Aktualisiert am

Fußball fasziniert: Bei einem Spiel auf der Hohen Warte in Wien. Um 1925. Bild: Picture-Alliance

Ein Reporter nimmt die Leser mit zum Länderspiel nach Frankfurt. Italien droht, gegen Deutschland zu gewinnen – und das ganze Land fiebert mit. Von großen Emotionen und der Wirkung des noch jungen Mediums Radio.

          3 Min.

          Ein paarmal sind Photoapparate ganz aus der Nähe auf das gespannte Gesicht des Sprechers gerichtet, der hier oben in der wehenden Luft auf den kleinen Marmorblock einspricht. Die klare, rheinisch gefärbte Stimme spricht, und die Sonne, die uns in ihrem vollen Glanz gegenübersteht, spielt in den Brillengläsern.

          Wir sind auf dem Turm des Stadions. Unten sind die Fünfzigtausend. Das ist kein Gewimmel. Es ist ein fester flacher Kranz um den noch etwas farblos grünen Rasen, ein Gewebe von Köpfen und Hüten, dicht wie jene französischen Kränze aus Glasperlen und Immortellen. Tabakwölkchen schweben vereinzelt auf und flattern bläulich um die mit Menschenknäueln bewachsenen kahlen Bäume. Das Spiel ist in vollem Gang.

          Die italienischen Azuri, die weißschwarzen Deutschen, alle diese kleinen flinken Figuren, die da unten hin und her schießen, jede mit ihrem langen Schatten auf der besonnten Fläche, tummeln sich in der frischen Märzluft. Von hier oben gesehen, haben alle Dinge irgendetwas Blitzendes. Hinter uns auf der Uebungswiese parken die Autos, ein unabsehbarer Acker lackierter Schollen. Ein Flieger brummt oben mit wehenden Fahnen.

          Ein paar Leute stehen hier wie auf einem mit Blech ausgeschlagenen Kommandostand. Zu kommandieren ist nichts, obwohl über unseren Köpfen ein Zipfel der großen Flagge knattert. Wir sehen und hören nur. Das alles kommt in das Mikrophon.

          Das Mikrophon steht nur auf Kork, das wie eine Scheibe Brot aussieht, es hat Henkel wie ein Körbchen. Eine ungeschickte Bewegung, und es fiele von der hölzernen, verwitterten Brüstung auf das Dach. Der Sprecher wendet das Mikrophon; jetzt fängt es Blechmusik ein, jetzt das Toben der Menge, ein helles Brausen, das plötzlich einen dunklen Ton annimmt und verstummt. Der Sprecher überschaut das Feld, die nicht angezündete Zigarette zwischen den Fingern.

          Der Ball springt, fliegt, rollt, verschwindet unter stürzenden Körpern. In einem Abstand von Sekunden folgt der Sprecher diesem blitzschnellen Wechsel in Halbsätzen, in Drittelsätzen. Aus ihnen bildet sich, mit winzigen Pausen, die wie Gedankenstriche wirken, der Bericht, gefüllt mit Spannung bis zu Platzen… Jeder Sport hat seine eigene Sprache. Die Namen der Jünglinge da unten haben ihre Anonymität verloren, Stuhlfauth nimmt den Ball in die Arme, Calligaris köpft den Ball, Albrecht dribbelt ihn vor sich her, Orsi mischt sich ein… So entsteht für die Ferne ein Bild des unerhört lebendigen Kampfes, der für unser Auge zuweilen nichts als ein Farbenstrudel auf grüner Fläche ist.

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          Millionen Hörer sitzen in den Kaffeehäusern der Großstädte, auf den Sofas ihrer Wohnungen und verfolgen alles. Aus den fachlich berichtenden, von Leidenschaft gejagten funkelnden Worten des Sprechers bildet sich ein Negativ, gleichsam ist der Abzug einer photographischen Platte noch unterentwickelt. Doch die Konturen des Spiels deuten sich schon an, bestätigt vom Prassel des Beifalls, vom Schweigen der Enttäuschung, von dem Pfiff des Mißfallens. Der ferne Hörer ist magisch festgebunden. Er kennt den Sport. Er ergänzt sich alles aus der Phantasie. Der Sprecher ist Stimme des Schicksals. Es soll Momente geben, wo die Hörer so in Aufregung geraten, daß sie den Lautsprecher mit Kaffeetassen bombardieren.

          Von Frankfurt in die Welt

          In unserer luftigen Wanne hier oben hockt der Techniker neben seiner Kiste mit dem Röhrenapparat und dem Verstärker. Das Telephon klingelt leise. Ein Kabel geht von hier zum Senderaum in der Stadt, von dort zu den Senderäumen von Berlin und Königswusterhausen, in den Senderaum der Werag (Westdeutsche Rundfunk AG – Anm. d. Red.) nach Köln, zur Mirag (Mitteldeutsche Rundfunk AG) in Leipzig, zur Norag (Norddeutsche Rundfunk AG) in Hamburg, nach Königsberg, Breslau, Bern. Und aus diesen Senderäumen geht im selben Augenblick das Wort, das hier gesprochen wird, durch den Aether fächerartig zu Millionen Ohren.

          Jemand hinter dem Sprecher flüstert im Eifer des Spiels: ‘ne Sache! – Was meinen Sie zu dem Schalker? – Ausgezeichnet! – Alles geht in das Mikrophon. Auch dieses Flüstern, jetzt das Knattern des Beifalls da unten. Unter uns im Dachgebälk steht an seinem Apparat ein italienischer Sprecher und sendet dem atemlos lauschenden Süden seinen stürmischen Bericht.

          Die Bewegungen der Spieler auf dem Felde sind fast winzig. Das Spiel entfaltet Ueberraschungen wie eine Facette. Von den zwei Stunden sind noch 28, noch 26 Minuten übrig, die Kräfte auf beiden Seiten scheinen gleich, aber Italien hat schon zwei Tore. Wieder und wieder stürmen die Deutschen vor das Tor der Italiener, der Erfolg ist zum Greifen nahe, immer wieder. Aber das Glück, das letzte fehlt. Die Kenner sehen schon, wie das enden wird. Und auf einmal, ohne das Schlußzeichen abzuwarten, beginnt sich die Masse aufzulösen, es ist, als rinne Wasser aus einem lecken Gefäß. Eine breite Prozession in den Farben grauer Hüte und violettbrauner Mäntel beginnt abzufließen. Die Italiener vollführen Freudentänze, ihre leuchtenden blauweißen Farben, ihre kleinen Fahnen sammeln sich im Gedränge. Es war ein sauberes Spiel, großer Sport, ein heller Tag. Aus. Auf Wiederhören. Die Masse ist nicht unzufrieden. Aber sie wäre rasend geworden, wenn die Landsleute mehr Glück gehabt hätten. So gelassen sie da wandert, so gern wäre sie rasend geworden.

          Alfons Paquet.

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