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Frankfurter Zeitung 29.06.1930 : Das Rheinland wird frei – Chronik der Besatzung

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Bad in der Menge: Präsident Paul von Hindenburg bei der Feier zur Räumung des Rheins 1930. Bild: Picture-Alliance

Frankreich verlässt die besetzten Gebiete am Rhein. Rückblick auf ein Stück Zeitgeschichte, das damals Gegenwart war – und ein Einblick, wie schwer die Bürde des Versailler Vertrags für die Deutschen wog.

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          Jetzt sind es nur noch Stunden, die uns von der vollendeten Räumung des besetzten Gebietes trennen. Welche Erinnerungen löst dieses Wort bei uns Deutschen, vor allem uns Westdeutschen aus! Erinnerungen an Geschehnisse, von außen aufgezwungen als Folge des verlorenen Krieges und der mit seinem Ende nicht beendeten Leidenschaften, Erinnerungen an eine Politik, an der der besonnene Teil des deutschen Volkes trotz heftiger Gegnerschaft festhielt.

          In Etappen gruppieren sich dem rückblickenden Sinn die Ereignisse der letzten zwölf Jahre.

          1918-1920

          Friedenskonferenz in Paris 1918 – 19. Die französische Regierung bemüht sich offiziell in den Verhandlungen mit den alliierten und assoziierten Regierungen, den Rhein zur militärischen, politischen und wirtschaftlichen Westgrenze Deutschlands unter Errichtung eines Pufferstaates auf dem linken Rheinufer zu machen, nominell dem Völkerbund unterstellt, faktisch aber unter dem Einfluß Frankreichs. Dieser Versuch mißglückt an dem Widerstand Englands und Amerikas. Frankreich erhält zusammen mit den anderen nur das Recht zu vorübergehender Besetzung.

          1920-1926

          Der französische Militarismus versucht auf eigene Faust das Resultat zu korrigieren: Zusammenarbeit mit Seperatisten am Rhein und gewissen bayerischen Elementen; Besetzung des Maingaus zwischen Ostern und Pfingsten 1920 mit Absicht, die ganze Mainlinie bis hinauf nach Nürnberg zu besetzen, um einen Keil zwischen Preußen und Süddeutschland zu treiben und das Rheinland noch stärker in die Hand zu bekommen. Auch dieser Anschlag scheitert, vor allem am Widerstand Englands und Italiens (Nitti).

          Der französische Militarismus arbeitet nun auf längere Sicht. Ständiges Ringen zwischen ihm und den Bundesgenossen Frankreichs auf unzähligen internationalen Konferenzen, die „Sanktion“ der Ruhrgebietbesetzung konzediert zu bekommen. Erstes Nachgeben Englands 1921 auf der Londoner Konferenz durch Verhängung der gemeinsamen Besetzung von Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort. Gleichzeitig Einsetzen der französischen Kulturpropaganda am Rhein.

          1923 Besetzung des Ruhrgebiets durch Franzosen und Belgier unter Mitwirkung Italiens, aber Beiseitestehen Englands. Abzug der Amerikaner von Koblenz. Kampf an Rhein und Ruhr. Finanzieller Zusammenbruch des Reichs, Kapitulation vor dem siegreichen Poincaréismus. Gründung der Rentenmark auf den finanziellen Trümmern. Notwendigkeit, die neue Währung zu halten.

          Poincaré weigert sich, mit der Reichsregierung zu verhandeln. Er will direkte Abschlüsse mit den rheinisch-westfälischen Industrien und den in Frage kommenden Stellen an Rhein und Ruhr. Das Reich steht vor der Frage, ob es die ungeheuren Geldsubventionen an Rhein und Ruhr noch leisten kann, ohne die neue Währung zu gefährden. Gewisse Kreise empfehlen, Rhein und Ruhr „versacken“ zu lassen. Andererseits fürchten durchaus reichstreue Elemente aller Parteien an Rhein und Ruhr, daß das Reich die beiden besetzten Gebiete nicht mehr werde halten können. Tirard glaubt, seine Stunde sei gekommen. Wüten separatistischer Banden am Rhein mit Unterstützung französischer Militärbehörden. Ausrufung der „rheinischen Republik“ an verschiedenen Orten.

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