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Frankfurter Zeitung 25.05.1930 : Frankreich soll den Rhein freigeben

  • Aktualisiert am

Natürliche Grenze der besetzten Zone: Der Rhein bei Mannheim. Bild: Picture-Alliance

Die französischen Truppen erhalten den Befehl zur Räumung des Rheinlandes. Bis Ende Juni soll sie abgeschlossen sein. Nach zwölf Jahren Besetzung kann ein neues Kapitel in der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen beginnen.

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          In der heute abschließenden Woche sind die amtlichen Räumungsbefehle an die französischen Truppen im besetzten Gebiet ergangen. Die französische Regierung hat nach der erfolgten Inkraftsetzung des Young-Plans noch einmal ausdrücklich bestätigt, daß die Räumung des Rheinlandes am 30. Juni vollendet sein werde.

          Der letzte Akt einer schweren Zeit unserer rheinischen Gebiete geht zu Ende. Wir erinnern uns in diesem Augenblick alles dessen, was die Bewohner dieses deutschen Stromlandes fast zwölf Jahre lang getragen haben.

          Wir erinnern uns des Einmarsches im Winter 1918 und der völlig unbegrenzten Militärherrschaft, die in der Waffenstillstandszeit über ein Jahr lang das Rheinland unter Kriegsrecht hielt.

          Wir erinnern uns, wie die formale Begrenzung dieser Militärherrschaft im Rheinlandabkommen, das am 10. Januar 1920 in Kraft trat, jahrelang ohne praktische Bedeutung und die Bevölkerung dem fremden Gewaltregiment gegenüber im Gefühl völliger Rechtlosigkeit verblieb.

          Militärs werden immer und überall ein hartes Regiment führen. Manche Schikanen und üble Vorkommnisse gingen über solche Entschuldigungen weit hinaus. Aber sie waren nicht das Wesentliche. Die furchtbare Grausamkeit des Versailler Vertrags lag darin, daß man sich überhaupt unterfing, eine kultivierte europäische Bevölkerung zehn oder fünfzehn Jahre lang unter militärischer Fremdherrschaft halten zu wollen, und daß man sich einbildete, diesen Zustand unter dem Kapitel Frieden rubrizieren zu können. Auch wenn es zu gar keinen Zwischenfällen und Ausschreitungen gekommen wäre, konnte, solange der Rhein besetzt blieb, von keiner Befriedung zwischen Frankreich und Deutschland die Rede sein.

          Die „Frankfurter Zeitung“ hat vor Jahren einmal das Wort eines rheinischen Pazifisten wiedergegeben, der erklärte: „Das Gefühl, unter Fremdherrschaft zu stehen, ist kein relatives, sondern ein absolutes, und ebenso das Gefühl nationaler Freiheit.“

          Bevölkerung leidet unter Besetzung

          Die große Masse der Bevölkerung mag gewiß nicht jeden Augenblick von solchen allgemeinen Ueberlegungen bestimmt gewesen sein. Um so tiefer und nachhaltiger haben sich ihr die tausend kleinen und oft auch sehr großen Leiden, Entbehrungen, Demütigungen und Mißhandlungen eingegraben, denen sie hilflos und praktisch zumeist rechtlos ausgesetzt war.

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          So tief haben sich diese Erlebnisse den rheinischen Menschen eingegraben, daß viele von ihnen jahrelang nicht mehr zu dem Glauben zurückfanden, es könne jemals wieder völlig anders werden, die Franzosen würden jemals auch nur an den von ohne unterschriebenen Vertrag sich halten und das besetzte Gebiet wieder freigeben. Noch in den letzten Wochen konnte man gebildete Menschen treffen, die nicht nur das Datum des 30. Juni mit skeptischem Lächeln quittierten, sondern darüber hinaus Zweifel äußerten, ob die französischen Generale nicht neue Vorwände finden sollten, ihre strategische Stellung vom Hunsrück über Pfälzer Wald und an der Mainzer Rheinecke weiterhin und dauernd festzuhalten.

          Solche Skepsis entspricht gewiß in keiner Weise mehr dem wirklichen Tatbestand der heutigen französischen Politik. Aber man muß immerhin ihre Wurzeln verstehen. Die Menschen am Rhein haben einen sehr eindringlichen historischen Lehrkursus durchgemacht, der ihnen vorführte, daß das, was man bisher die französische Rheinlandpolitik nannte, keine neuaufgetragene Zeiterscheinung und keine Sonderheit einzelner Politiker und Militärs war.

          Rhein als französische Grenze?

          Der Gedanke, den Rhein als Frankreichs natürliche Grenze zu beanspruchen, hat jahrhundertelang das französische Volk bis in seine friedliebendsten Kreise hinein beherrscht. Am Rhein bekam man zu spüren, wie dieser Anspruch auch denen, die, verstärkt durch den Abscheu vor neuem Völkermorden, mit aller Aufrichtigkeit und Dringlichkeit Verständigung erstrebten, zum wenigsten ins Unterbewußtsein tief eingewurzelt war.

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