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Frankfurter Zeitung 08.05.1919 : Der Schock von Versailles

  • Aktualisiert am

Entsetzt über die Friedensbedingungen: Die deutsche Delegation in Versailles im Mai 1919. Bild: Picture-Alliance

Am 7. Mai legen die Alliierten der deutschen Friedensdelegation den Entwurf des Versailler Vertrags vor. Das Entsetzen ist groß, denn die Bedingungen sind weitaus schlimmer als befürchtet – und von deutscher Seite nicht annehmbar.

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          Die Weltgeschichte ist das Weltgericht – daraus ergibt sich, daß der Friedensentwurf, den uns Herr Clemenceau als Vorsitzender der Versammlung in Versailles hat überreichen lassen, nicht Geschichte werden wird. Präsident Wilson, der Verkünder des neuen Weltrechts, nahm teil an dieser Versammlung, wie am ganzen Friedenswerk, und ließ es geschehen, daß dieses Buch des Unrechts geschrieben und dem deutschen Volke überreicht wurde. Er tat das im selben Augenblick, in dem er in seiner Erklärung an Italien ein neues, unverlangtes und dadurch doppelt eindrucksvolles Bekenntnis zum Rechtsfrieden auf der Grundlage seiner 14 Punkte abgab.

          Trotzdem ließ er Herrn Clemenceau gewähren dessen ausgesprochenes Ziel es ist sich Kraft der Macht der Alliierten „Genugtuung“ statt Recht zu verschaffen und sich gegen neue Kriege zu sichern, indem er den präsumtiven Gegner umbringt. Darum steht Wilson und mit ihm das amerikanische Volk heute inmitten eines Sturmes ehrlichster deutscher Entrüstung. Von Clemenceau hatten unser Recht und die Vernunft nichts zu erwarten; die englische Politik versprach wie immer undurchsichtig zu sein, aber Wilson hatte sein Wort gegeben und die Zusage seiner Verbündeten verbürgt. Es sollte Gerechtigkeit und ein Friede voll innerer Ueberzeugung in die Welt einziehen. Statt dessen diese Bedingungen!

          Dieser Vertrag kann nicht Geschichte werden. In seiner sehr sorgfältig durchdachten Ansprache hat Graf Brockdorff-Rantzau den Geist des Entwurfes im voraus richtig bekämpft, indem er mit dem Ernst und der Eindringlichkeit, die wir alle mitempfinden, das moralische Fundament der Gegner, das heißt das Gebäude, das Irrtum und Lüge aufgebaut haben, umgestoßen hat: wir tragen schwere Schuld und müssen für die verhängnisvollen Irrwege der deutschen Politik im wilhelminischen Zeitalter, für Handlungen und Unterlassungen der Staatsmänner des alten Regimes in den tragischen zwölf Julitagen sowie für manchen Frevel wider das Völkerrecht – so sagte Grad Brockdorff-Rantzau – aufkommen, denn die Ernennung Deutschlands macht den Schaden nicht ungeschehen, aber, und dieses Aber muß entscheidend sein für unser Schicksal, wir haben nicht allein gefehlt, auch die Schuld am Kriege und im Kriege ist international, wie das Unglück, das über die Welt gekommen ist. Und damit ist eine die Zukunft vergiftende Fiktion unserer Gegner zerstört, aus der die Sieger unbegrenzte Rechte, ja sogar die grundsätzliche Verpflichtung des deutschen Volkes ableiten, für alle Schäden des Weltkrieges und der internationalen Politik der letzten Generation haftbar zu sein, verhaftet mit Leib und Gut. Das ist ein scheußliches Glas, das durch Deutschland, sein Grundbesitz und alles was deutlich ist bis hinab zum entflohenen und entthronten Kaiser ekelhaft, verdammenswert und als totes Objekt der Rachsucht und Entschädigung seiner Nachbarn erscheinen läßt.

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          Wir durchstoßen dieses Glas und verlangen nach neutralem Urteil und damit nach unserem Recht. Wir Deutsche mußten nach dem Notenwechsel mit Lansing meinen, daß diese Theorie der Schuld als Rechtfertigung der Verstümmelung Deutschlands längst verlassen sei. Und wenn Worte noch ihren Sinn haben, so war mit einer Klarheit, die nicht zu überbieten ist, gesagt, daß die 14 Punkte mit den zwei bekannten Abänderungen die alleinige Grundlage des Friedens sein sollen, daß eine „Diskussion“ stattfinden solle, freilich, wie Lansing am 9. Oktober präzisiert, nur zu dem Zweck, sich über die praktischen Einzelheiten ihrer Anwendung zu verständigen“. Unter diesen Voraussetzungen haben wir formell die Folgen der übereilten Bitte um Waffenstillstand, durch die unseren Gegner und dem eigenen Volk die ganze Hohlheit der deutschen Eiche über Nacht bekannt wurde, auf uns genommen, aber zugleich genau umgrenzt. Und damit stehen und fallen wir, nicht nur Graf Rantzau und die Regierung, sondern das ganze Volk.

          Das kann auch nur der Grundgedanke der deutschen Antwort sein. Sie wird in aller Oeffentlichkeit gegeben werden, denn unsere Gegner wünschen schriftliche Verhandlung. Wie weit daneben praktisch arbeitende Kommissionen eine unmittelbare Fühlung zwischen den Parteien herstellen werden, läßt sich im Augenblick noch nicht sagen. Jedenfalls hat dies Graf Rantzau vorgeschlagen und es ist schwer vorstellbar, daß man anders verfahren könne, selbst wenn etwa die Franzosen heute noch anderer Meinung sein sollten. Die Schriftlichkeit des Verfahrens bietet unter anderen den Vorteil, daß dadurch dem Meinungsaustausch einwandfrei Publizität gesichert ist, denn es dürfte schwer sein, diese Schriftstücke zu unterschlagen.

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