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Frankfurter Zeitung 13.07.1929 : Eine Vision für Europa

  • Aktualisiert am

Der französische Politiker Aristide Briand Bild: Picture-Alliance

Der französische Außenminister Briand hoffte vor 90 Jahren auf eine engere europäische Zusammenarbeit. Sein Plan: die Vereinigten Staaten von Europa zu gründen. Die Reaktionen erinnern an heutige Debatten.

          Der Briandsche Plan der Vereinigten Staaten von Europa ist mit Zustimmung seines Urhebers in der Oeffentlichkeit zur Diskussion gestellt worden. Schon seit langem trägt sich Briand mit diesem Gedanken. Er hat sogar in manchen öffentlichen Reden, allerdings in so diskreter Weise darauf angespielt, daß nur Eingeweihte verstehen konnte, an was der Redner dachte. Nur in der engeren Umgebung des Außenministers sind diese Gedankengänge seit einiger Zeit lebhaft diskutiert worden. Auch bei Begegnungen mit befreundeten ausländischen Staatsmännern hat Herr Briand seine Lieblingsideee entwickelt und eine Stellungnahme zu erfahren gesucht. So gehört auch Herr Stresemann seit Madrid zu den Eingeweihten. Die Aufnahme, die der Plan bei diesen Tatversuchen gefunden hat, scheint den französischen Außenminister ermutigt zu haben, auch die Oeffentlichkeit über seine Absichten zu unterrichten und sich vorzunehmen, falls der Widerhall der öffentlichen Meinung Europas günstig genug ist, sein Programm auf der Vollversammlung des Völkerbundes im September vorzutragen, um sodann die nötigen Schritte zur Einberufung einer europäischen Konferenz einzuleiten.

          Ueber den Inhalt der Briandschen Vorschläge ist nichts Näheres zu erfahren, es steht nur fest, daß ihm eine allmähliche Annäherung der europäischen Nationen, England einbegriffen, aber ohne Sowjetrußland, vorschwebt, und zwar zunächst auf wirtschaftlichem sowie auf finanzielle und schließlich auf politischem Gebiet. Es soll nach Briands Absicht eine wirtschaftliche Einheit der Vereinigten Staaten von Europa geschaffen werden, die den übrigen großen Wirtschaftseinheiten der Welt, wie dem britischen Imperium, Rußland und den Vereinigten Staaten an die Seite treten soll.

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          Es wird bestritten, daß sich irgendwie Interessengegensätze zu diesen anderen Wirtschaftseinheiten ergeben könnten, zumal da eine gewisse Ueberschneidung, z. B. durch Beitritt Englands zu den Vereinigten Staaten, eintreten würde. Andererseits bilde der Völkerbund einen Rahmen für die Annäherung dieser Einheit, wie denn überhaupt der Briandsche Organismus sich irgendwie in die Gensfer Institutionen einordnen soll. Soweit man sieht, schließt sich die Idee Briands eng an die paneuropäische Bewegung Coudenhove-Kalergi an.

          Die französische öffentliche Meinung hat dem Plan eine freundliche Aufnahme bereitet, ohne allerdings näher auf Einzelheiten seiner Ausführungen einzugehen. Die Grundidee wird durchaus gebilligt, nur einige Blätter der Rechten machen sich darüber lustig und erklären, daß Briands Vereinigte Staaten von Europa ebensowenig den Gang der Weltgeschichte und die Rivalitäten der einzelnen Staaten würden abändern können, wie der Völkerbund es bisher gekonnt habe. Auf der anderen Seite hört man Stimmen, die eine unmittelbare realistische Absicht hinter diesen vagen Plänen vermuten, nämlich den Wunsch, durch den Zusammenschluß der europäischen Staaten eine Abwehr gegen den amerikanischen Protektionismus auszuüben, damit es bei der bevorstehenden Beratung seines neuen Zolltarifs, der hier als gefahrvoll für die europäische Wirtschaft angesehen wird, sich die erforderliche Mäßigung auferlege.

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