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Frankfurter Zeitung 05.12.1930 : „Ein feiner Sturz, was!“

  • Aktualisiert am

André Tardieu war von 1926 bis 1932 mehrmals Ministerpräsident in Frankreich. Bild: Picture-Alliance

Der französische Senat entzieht André Tardieu das Vertrauen, die Amtszeit des Ministerpräsidenten endet. Die Frankfurter Zeitung stimmt ein Hochlied auf den Parlamentarismus des Nachbarn an.

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          Das Kabinett Tardieu hat den Vorzug gehabt, im Senat und nicht in der Deputiertenkammer gestürzt zu werden. Das ist seit Bestehen der dritten Republik nur zwei Kabinetten beschieden gewesen, dem Kabinett Léon Bourgeois vor mehr als drei Jahrzehnten und dem Kabinett Herriot vor fünf Jahren. In beiden Fällen waren innerpolitische Motive entscheiden gewesen. So auch jetzt bei Tardieu, obwohl die augenblickliche außenpolitische Lage den Vorgängen eine gewisse atmosphärische Spiegelung verschafft.  

          Unser Pariser BR-Korrespondent schreibt über das Ereignis das folgende: „Ein feiner Sturz, was!“ Das war das Wort, das Herr Tardieu unter die Journalisten warf, als er das schöne Palais am Luxemburggarten verließ. Der Ministerpräsident strahlte über das ganze Gesicht, weiß der Himmel, wo er es herholte, aber er hatte sogar sein Lächeln wiedergefunden, das berühmte Lächeln, mit dem er seit einem Jahre mit ganz kurzer Unterbrechung die Geschäfte Frankreichs besorgt hat.  

          Ein feiner Sturz? Wollte er, Herr Tardieu, das glauben, müßte er sich selber betrügen. Er hat sehr genau hingehört, als der Senator Borel ihm heute nachmittag zurief, es sei schade um ihn, so abtreten zu müssen. In jeder zukünftigen Geschichte des französischen Parlamentarismus wird man unter dem Kapitel Tardieu auch den Abschnitt Oustric-Affäre finden. Der Kampf des Ministerpräsidenten, sich aus dem Dunstkreis dieses üblen Finanzskandals in eine Region reinerer Politik hinüberzuretten ist heroisch gewesen. Aber er hat nicht gefruchtet. Herr Tardieu hat vergeblich seinen Justizminister gedeckt, er hat zwei seiner Unterstaatssekretäre geopfert, er hat wirklich ohne Lächeln, vielmehr unter Zähneknirschen es über sich gebracht, in die Einrichtung eines parlamentarischen Ehrengerichts einzuwilligen, das über Mitglieder seines eigenen Kabinetts zu urteilen hatte. Die Opfer waren umsonst. Die Götter waren ungnädig, der Rauch stieg nicht empor zum sauberen parlamentarischen Himmel, sondern legte sich trübe und schwelend über die Erde, er verwischte die Umrisse von Parlament und Börse.  

          Ungunst und kranke Wirtschaft

          Herr Tardieu hatte sogar von einem seiner bittersten und gefährlichsten Gegner, dem Leiter der französischen Sozialisten, Herrn Léon Blum, zu hören bekommen, daß dem von so viel Ungunst Betroffenen Mitleid zugebilligt werden müsse. Aber man wird auch, wenn man die Rolle des Zufalls in der Politik nicht unterschätzt, doch das Wort bedenken, auch das Glück sei Talentsache, infolgedessen das Unglück notwendigerweise immer ein Teil von Schuld. Es ist eine böse Ironie der Geschichte, wenn ein Mann, der sich nie daran genug tun konnte, die glücklichen Umstände der französischen Wirtschaft zu preisen, an einer Krankheit eben dieses Wirtschaftskörpers zugrunde gehen mußte.  

          André Tardieu (1876-1945)
          André Tardieu (1876-1945) : Bild: Picture-Alliance

          Als Ministerpräsident übernahm Tardieu das Erbe Poincarés. Das heißt eine Regierung, die, wie einst unter dem Notstand des Krieges, unter dem Notstand des Währungszerfalls die parteipolitischen Gegensätze überbrückte, die Regierung der nationalen Einigkeit. Im Kriege hieß so etwas Burgfrieden. Diese Vokabel von der nationalen Einigkeit ist im Wörterbuch Tardieus auf der ersten und auf der letzten Seite gestanden; nationale Einigkeit war der Rest jenes blanken Optimismus des Nationalisten aus der Zeit des Sieges. 

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