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Frankfurter Zeitung 10.05.1919 : Die Strategie der Siegermächte

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Die „Großen Vier“ von 1919 (r-l): Ministerpräsidenten George (England), Orlando (Italien), Clemenceau (Frankreich) und Präsident Wilson (Amerika) Bild: Picture-Alliance

Der Entwurf des Versailler Vertrags wurde mit Methode erarbeitet: detaillierte Ausarbeitung, wenig persönlicher Austausch und viel Papierwirtschaft. Das Vorgehen macht ihn noch mehr zu einem Hindernis der Aussöhnung. Ein Kommentar.

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          Der Inhalt der Friedensbedingungen war eine Ueberraschung nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt. Niemand hatte sich etwas erwartet, was im entferntesten vom Geiste der Schonung eingegeben sein konnte. Wir wußten längst, daß unsere Gegner sich nicht nehmen lassen werden, ihren Sieg in unerhörte Forderungen auszumünzen. Der Waffenstillstandsvertrag hat uns schon gezeigt, welche Rechenkünstler sie sein können. Aber die Pariser Konferenz hat in trockener Spitzfindigkeit und mit pedantischer Folgerichtigkeit eine Ungeheuerlichkeit ausgearbeitet, die jede düstere Vorahnung übertrifft. Man könnte auf den Einfall kommen, daß es sich um die Lösung der juristischen Preisaufgabe handelt, wie man in Form eines völkerrechtlichen Vertrages jede selbständige Regung eines Volkes und seines Wirtschaftslebens in die Ketten von einengenden Klauseln legen kann.

          Mit dem warmen menschlichen Gefühl für die Wirklichkeit hat diese ausgeklügelte Juristerei gar nichts mehr zu tun. Die Kleinlichkeit bürokratischer Denkungsart feiert hier Triumphe, die sie nie in der Weltgeschichte erlebt hat. Und das Kunstwerk überrascht mit jedem neuen Kapitel. Vielleicht gehörte auch das noch zu der Raffiniertheit des Ganzen, daß man die Liste der Bedingungen ins Unendliche zog, um die Qual des Opfers zu verlängern. Sonst pflegte man bei Vorfriedensschlüssen die großen Grundlinien der Neuordnung vom Besiegten annehmen zu lassen und die Kleinarbeit an Kommissionen zu verweisen. Hier liegt bereits das in der geringsten Einzelheit ausgedachte Dokument vor, aus dessen Mannigfaltigkeit von Bestimmungen man sich zurück arbeiten muß, um wieder den Ueberblick zu gewinnen und das Wesentliche zu erkennen.

          Mit diesen Methoden des Friedensbeschlusses, die die bereits in ihren „Conditions de paix“ niedergelegt habe, müssen wir auch in den Verhandlungen rechnen, wenn wir den bevorstehenden Austausch von Schriftsätzen zwischen unserer Abordnung in Versailles und den alliierten und assoziierten Regierungen mit diesem Namen belegen können. Die Gegner wollten keine persönliche Berührung, wollten kein menschliches Wort hören, weil sie selbst keines aussprechen wollen. Es handelt sich durchaus nicht um die Vermeidung weitschweifiger Redereien, in denen so erfahrene und gewandte Parlamentarier wie Clemenceau und Lloyd George unseren Vertretern weit überlegen wären. Sie brauchten also nicht zu fürchten, bei solchen Besprechungen den kürzeren zu ziehen. Unser rückständigeres politisches Leben der letzten Jahrzehnte hat es uns unmöglich gemacht, solche Talente auszubilden, und wir wollen damit auch keinen Vorwurf an unsere Bevollmächtigten richten.

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          Aber gewisse Dinge, die sie vorgebracht hätten, mußten unter allen Umständen ihre Wirkung tun, selbst auf den verstockesten Gegner. Darum zogen sie es vor, bei der Papierwirtschaft zu bleiben, in der sie sich seit vier Monaten verloren haben. Taten sie es aus Furcht, daß in mündlichen Verhandlungen ihre Uneinigkeit zutage trete und den Deutschen zum Vorteil geriete, dann ist das uns ein neuer Beweis für den Mangel an dauernder innerer Lebenskraft ihrer mühsamen Schöpfung. Jedenfalls war einer ihrer Hauptgründe bei der Vermeidung des mündlich Verkehrs die Angst, daß hunderte ihrer Klauseln die Diskussion von Mensch zu Mensch nicht vertragen. Denn das einfache natürliche Empfinden ist daraus grundsätzlich verjagt. Und es bleibt jedenfalls ein ewiges Brandmal für diesen Frieden, daß er nicht die schriftliche Niederlegung von Vereinbarungen darstellt, die selbst aufgezwungen sein können, sondern einen nüchternen Zivilprozeß, bei dem die Parteien sich nur durch Anwälte ihre Akten zuwenden.

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