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Frankfurter Zeitung 28.01.1929 : Die Stempelgänger

  • Aktualisiert am

Arbeitslose stehen vor dem Schalter einer Stempelstelle. (Foto 1930) Bild: Picture-Alliance

In deutschen Städten reihen sich Erwerbslose in Schlangen, um Unterstützungsgelder zu erhalten – Tendenz steigend. Es muss mehr gegen die steigende unverschuldete Arbeitslosigkeit getan werden.

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          In allen großen und mittleren Städten gibt es ein oder mehrere Gebäude, in denen die Erwerbslosen Unterstützungsgelder empfangen. „Stempeln gehen“ nennt der Volksmund den schweren Gang, den ein erheblicher Prozentsatz der werktätigen Bevölkerung jeden Tag antreten muß. Wer sein gutes Auskommen hat, vielleicht darüber hinaus sogar sich eines gewissen Wohlstandes erfreut, sollte nicht versäumen, in diesen Wochen um die Mittagszeit durch die Straßen zu gehen, durch die sich der Zug der Stempelgänger bewegt. Solcher Anschauungsunterricht ist wirksamer als Lektüre von Artikeln mit statistischem Material. Gewiß, es ist schon ein erfreulicher Fortschritt, daß die Welt den Grundsatz, unverschuldete Arbeitslosigkeit verleihe ein Recht auf Unterstützung, anerkannt hat. Aber es wäre eine unerwünschte Folge, wenn sich die Welt damit beruhigte, daß sie die Opfer unverschuldeter Arbeitslosigkeit nicht verhungern läßt.

          Das Problem ist mit der Bejahung des Rechtsgrundsatzes erst gestellt. Und die bedenklichen Begleitumstände, die jede trotz der „Versicherung“ dennoch karikative Handlung an Existenzen, die sich gesund und zum Selbsterwerb fähig sind, mit sich bringt, können nur aufgewogen werden, wenn alle Energie und alles Nachdenken darauf verwandt wird, die Ursache der Arbeitslosigkeit zu studieren und zu versuchen, das Uebel an der Wurzel zu fassen.

          Die Umstände sind voller Paradoxien. In derselben Straße, durch die sich der Zug der Erwerbslosen bewegt, sind in den Läden Maskenkostüme für den Karneval ausgestellt. Es ist leicht, das moralbeschwerte Haupt zu schütteln und über die zu wettern, die, während fast zwei Millionen Menschen in Deutschland ohne Arbeit sind, sich karnevalistischen Vergnügungen hingeben können. Im ersten Augenblick empfindet man das Aufreizende eines solchen Kontrastes und ist geneigt, mit einem Standpunkt zu sympathisieren, der durch ein Diktat die Maskerade verbietet. Aber schon im nächsten Moment schaltet sich eine zweite Ueberlegung ein: Leben nicht eine Anzahl Menschen von dem Betrieb dieser Winterwochen, würde nicht ohne Karneval die Beschäftigungslosigkeit in der Textilbranche, im Wirtschafts- und Musikergewerbe und anderen Gewerben noch mehr wachsen? Muß man nicht beinahe froh sein, daß gerade in einer Zeit, die saisonmäßig immer den allgemeinen Beschäftigungsrückgang zeigt, der Menschengeist auf den tollen Gedanken gekommen ist, über alle Lasten und Mühen des eigenen Lebens und der Zeit hinweg sich dem Rausch der Sorglosigkeit und des Vergessens hinzugeben und, statt das Geld zu sparen, es rollen zu lassen?

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          Es gab eine Zeit, wo die Menschheit das freie Spiel der Kräfte anbetete. Und es ist gewiß auch beinahe wunderbar, wie durch Zusammenhänge, die nur bis auf einen erheblichen Rest an Undurchdringlichkeit zu durchschauen sind, die ökonomischen Verhältnisse der Welt die Neigung zeigen, sich immer wieder in eine Gleichgewichtslage zu begeben. Aber auch hier ein Paradox: diejenigen, die immer und auch heute noch am stärksten sich gegen jeden Eingriff der Organisation in die natürliche Dynamik des Wirtschaftslebens sperren, sind nur zu bereit, durch die Betonung der Grenzen, durch die Künstlichkeit hoher Wirtschaftsmauern eine Selbstregulierung zu erschweren. Man wird es nie beweisen können, aber es wäre denkbar, daß zu einem Zeitpunkt, in dem es in der Wirtschaft keine Grenzen mehr gibt, in dem die nationalen Verschiedenheiten kein Hinderungsgrund mehr sind für Beschäftigung im fremden Lande, in dem durch eine diesem, Zustand angepaßte Verkehrs- und Wohnungspolitik Entfernungen und Umsiedlungen keine entschiedene Rolle mehr spielen, daß man in einer solchen Zeit wirklich wieder sich den natürlich Gesetzen des Geschehens, ohne die Krisen zu verstärken, hingeben könnte.

          Doch dieser Zustand spielt zur Zeit erst eine Rolle in Zukunftsromanen und uns bleibt vorläufig nichts anderes übrig, als die Künstlichkeit der Zeit für den Augenblick zu bejahen und nach geeigneten Mitteln Umschau zu halten, entweder sie abzubauen oder durch Organisation nach Möglichkeit zu paralysieren. Es ist das keine Angelegenheit der Parteiendoktrin, es lassen sich diese Fragen nicht durch radikale Propaganda lösen, die können nur durch die Zusammenarbeit aller an diesen Problem Beteiligten und Interessierten einer Lösung näher gebracht werden.
          Beteiligt aber sind wir alle.

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