https://www.faz.net/-gpf-9l3qj

Frankfurter Zeitung 09.05.1929 : Was will die junge Generation?

  • Aktualisiert am

Die „Bündische Jugend“ in Potsdam 1929 Bild: Picture-Alliance

Das alte Parteiwesen reizt die junge Generation nicht mehr. Stattdessen organisieren sie sich in überparteilichen Bündnissen, denn sie spüren den Drang der „neuen Zeit“. Sie warten nur noch auf ihren Moment.

          6 Min.

          Es ist in der letzten Zeit viel von den neuen Zusammenschlüssen der „jungen Generation“ die Rede gewesen, die, entstanden aus einer Unzufriedenheit mit den bestehenden innerpolitischen und parlamentarischen Verhältnissen, es sich zur Aufgabe machten, eine tiefgreifende Erneuerung des politischen Lebens in die Wege zu leiten. „Front 1929“, „Februar-Klub“ „Dienstag-Kreis“ und andere sind neben der „Volksnationalen Aktion“ des „Jungdeutschen Ordens“ nur die bekanntesten. Ihr – ausgesprochenes oder unausgesprochenes – Ziel ist letztlich die Ueberwindung der augenblicklichen Krise durch Schaffung einer „starken aktiven Mitte“ – über die Köpfe der Parteien hinweg. Man hat sich, da die Suche nach fähigen Männern selbst bei den Klügeren zu einem dummen Gerede von scheinbaren Diktaturgelüsten auszuarten drohte, eine zeitlang erwartungsvoll mit diesen vermutlichen „Lichtzeichen“ beschäftigt, bis man, in die Tiefe forschend, anscheinend doch auch dort allzusehr den Mangel an neuen Ideen zu spüren vermeinte und sich zum Teil langsam wieder von diesen Bemühungen abwandte, um doch noch nach einer Notlösung aus den gegeben Verhältnissen heraus zu suchen.

          Die Bemühungen der „jungen Generation“ sind damit natürlich noch lange nicht gescheitert. Ihre Unzufriedenheit mit der heutigen Situation – und keineswegs nur der politischen – besteht im Gegenteil nach wie vor ungemindert weiter. Wenn die Versuche von 1928 und 1929 nicht glückten, so werden 1930 und 1931 neue unternommen werden.

          Es kann auf allen Gebieten des öffentlichen wie des privaten Lebens festgestellt werden, daß sich – die Jahreszahl ist willkürlich genommen – seit 1914 ein grundlegender Wandel in allem vollzogen hat. Und das scheint uns das Entscheiden zu sein“ Dieser neue Zeitgeist ist es, den diese sogenannte „junge Generation“ so stark verspürt, der ihr den spezifischen Stempel aufdrückt, und dem allein sie ihre eigenartige Besonderheit verdankt, weil sie ihm eben in einem stärkeren Maße offen ist als die Aelteren, deren Weltbild schon vor 1914 einigermaßen feststand. Man täte daher wohl auch besser, endlich einmal damit aufzuhören, die große tiefgreifende Bewegung, von der unsere Zeit erfüllt und getragen ist, immer nur auf die „Jugend“ und auf die „junge Generation“ zurückzuführen, da diese Bewegung sonst so hingestellt wird, als wäre sie nur und ausschließlich die Domäne einer bestimmten, altersmäßig umgrenzten Generation, während sie doch ihrem tiefsten Inhalt nach alle angeht und sich auf alle Gebiete erstreckt.

          Historisches E-Paper

          Alle Ausgaben des historischen E-Papers im Überblick

          Artikel finden

          Die „junge Generation“ fühlt freilich den Drang am stärksten, dieser „neuen Zeit“ nachzuspüren und auf ihren Ruf zu hören. Sie versucht ihn ganz zu hören. Daher die so oft kritisierte „Schweigsamkeit“ und „Zurückhaltung“ der „Kriegsgeneration“, die Remarque für „vom Kriege zerstört“ hält. Daher ihre oft so tiefgreifende Zwiespältigkeit und „Befangenheit“. Sie lauscht nach dem starken Strom der Zeit und – wartet auf ihren Ruf. Sie scheint sich noch nicht sicher genug zu fühlen, das Positive zu tun, um dessen Ausdruck sie vorerst noch ringt. Es mag ein Zeichen dieser Zeit sein, daß sie, so paradox es klingt, zur Vorsicht mahnt und vor allzugroßer Sicherheit warnt und mißtrauisch macht. Die ihren Ruf vernehmen, sind sich zu einem großen Teil heute noch der Unvollkommenheit ihrer Kraft als Werkzeug bewußt – was sie leisten, trägt vorläufig noch immer den Charakter des Provisorischen, des Unfertigen, des erst noch Werdenden. So sind sie zunächst noch stärker in der Ablehnung, der Negation, der Erkenntnis des dem „Zeitgeist“ nicht Entsprechendem als in der Offenbarung des Nötigen, des Morgigen, des mit aller Kraft anzustrebenden Kommenden der neuen Form. Sie scheinen zu warten, bis die Zeit, – bis ihre Zeit, reif geworden ist – für ihre Tat, doch scheinen sie zu wissen, daß diese Zeit kommen wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Afroamerikaner Jaques DeGraff lässt sich im Februar in New York gegen das Corona-Virus impfen.

          Impfung gegen Corona : Die alte Angst der Afroamerikaner

          In den Vereinigten Staaten lassen sich deutlich weniger Afroamerikaner impfen als Weiße. Das liegt auch an Erfahrungen, die Schwarze mit Gesundheitsbehörden gemacht haben. Viele kennen noch das Verbrechen von „Tuskegee“.
          Chinesische Soldaten in Peking

          Rüstung : Verteidigungsministerium warnt vor Bedrohung durch China

          Zwei Millionen Soldaten, rund 6850 Kampfpanzer und die weltweit größten konventionellen Raketenpotentiale: Mit seinem Militär versuche China, die internationale Ordnung entlang eigener Interessen zu ändern, warnt das Verteidigungsministerium. Auch Russland bleibe eine Gefahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.