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Frankfurter Zeitung 01.07.1930 : So feiern die Deutschen die Befreiung des Rheins

  • Aktualisiert am

Abzug der letzten Truppen der Alliierten aus Trier: Das Rheinland feiert das Ende der Besatzung. Bild: Picture-Alliance

Das Rheinland ist zum ersten Mal seit zwölf Jahren frei von französischer Besatzung. Die Frankfurter Zeitung ist bei Feiern in verschiedenen Städten dabei – und protokolliert etwa die inbrünstige Renaissance des Deutschlandliedes.

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          Wir haben aus unserem Redaktionsstabe eine Reihe Sonderberichterstatter in die befreiten Gebiete entsandt. In der Nacht der Befreiungsfeiern fuhren sie im Auto durch das Land, seine Städte und Dörfer. Sie nahmen die Stimmung des Volkes in sich auf und wohnten den offiziellen Feiern bei. Hier sind die Berichte.

          Mainz.

          Jetzt haben wir die Freiheit eingeläutet. Was Jahre lang auf diesem herrlichen Gau Deutschlands lastete, ist von ihm genommen. Auch der letzte psychologische Druck ist in dieser Nacht wie ein Schleier weggewischt. Nicht nur ganz Mainz ist auf den Beinen.

          Menschenströme entsandte Frankfurt und sein Hinterland. Lastwagen keuchen am Abend die Straßen entlang, schwer von Menschenfracht, wie hochgewölbte Erntewagen. Als die letzten Sonnenstrahlen über den Rhein strichen, waren die Straßen ein tobender Parkplatz. Wer wüßte ein Haus, in dem keine Fahne steckt. Die Schiffe dem Rheinufer entlang haben ihre Wimpel aufgezogen und wer nicht ein Fähnchen im Knopfloch hat, der hat eine Rose in der Hand.

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          Das war die Stunde, in die plötzlich zu Mitternacht das Glockengeläute brach. Am Halleschen Platz vor der Stadthalle ein unübersehbares Meer von Menschen. Wie mit unsichtbaren Händen strichen die Glocken des Domes darüber hin. Die Heiterkeit ist in die Nacht zurückgewichen. Schauer der Erinnerung rieseln empor. Wir, die Gäste, fühlen nur Feierlichkeit, aber die anderen, die Jahre hier unter der Trikolore lebten, öffnen noch einmal ihre Augen den Augenblicksbildern der Vergangenheit.

          „Mainz stand im Brennpunkt von Kampf und Leiden.“ Der hessische Staatspräsident Adelung spricht die Worte. Die Heiterkeit und die Freude recken sich wieder empor. Noch lauschen die Tausende ehrfürchtig den Worten des Reichsministers Dr. Wirth, der von dem Kampf um die Befreiung spricht, und dann schließlich „Deutschland, Deutschland über alles“ zum unzähligsten Male an diesem Abend, aber wirklich im Gefühle jener einzigartigen Stunde wiedergewonnener Selbstbestimmung. Laßt Böller schießen.

          Das blauweißrote Schilderhäuschen steht nun im verlassenen Kasernenhof, ein wenig schief an die Wand gedrückt. Niemand kümmert sich mehr darum.

          (…)

          Trier.

          Die ganze Stadt glüht im Licht. Auch die entlegendste und ärmste Straße feiert mit Fahnen und Lampen. Auf dem riesigen Platz vor der Palastlaterne – zwölf Jahre lang Kaserne der französischen Besatzung – Zehntausende.

          Die Glocken vom Petersdom läuten über der alten deutschen Stadt die Freiheit ein. Böllerschüsse, Fackeln, Fahnen. „Großer Gott, wir loben Dich.“ Keiner unter den 70.000, der dies nicht aus vollem Herzen mitempfände. Der Rhein ist frei, Deutschland ist frei, ein Volk, ein Schicksal.

          Nach der Rede des Oberbürgermeisters Dr. Weitz das Deutschlandlied, zum erstenmal wieder mit freiem Herzen gesunden in dieser Stadt, in der man es zwölf Jahre lang nicht öffentlich singen durfte. Unter dem Glanz der tausend Lichter, der lodernden Glut der Fackeln eine Menschenmenge, die eins ist in dem Gefühl andachtsvoller Dankbarkeit. Der Oberbürgermeister gedenkt der Gefallenen des Krieges und der Besetzungskämpfe. Schweigend gedenkt die Menge des Befreiers der Rheinlande, Dr. Stresemann. Eine Eilstaffette überbringt den Gruß der mit Trier aufs engste verbundenen Stadt Saarbrücken, das Treugelöbnis der Saar. Reichsminister Guérard dankte im Namen des deutschen Volkes der Stadt für ihr Ausharren unter dem Druck der Fremdherrschaft.

          (…)

          Frankfurter Raum – Höchst.

          Das sonst so arbeitsame und stille Höchst erlebte einen Tag wirklicher Freude. Keine Ausgelassenheit, kein rauschendes Fest, aber eine wahre Volksfeier. Am Main sammelten sich schon in den Abendstunden Zahntausende, die auch aus Frankfurt zu dieser Feier der Freiheit herbeigeeilt waren. Das Frankfurter Reichsbanner marschierte gegen 23 Uhr in geschlossenem Zuge mit klingendem Spiel durch die Straßen.

          Ein ununterbrochener Zug von Menschen strömte zum Fluß. Freudenfeuer flammen auf. Um Mitternacht Glockengeläute, Raketen steigen gen Himmel, Kanonenschläge und Sirenen erschüttern die Luft.

          Massenchöre und Massenkonzerte leiten die Feier ein. Oberbürgermeister Dr. Landmann (Frankfurt) und Stadtrat Dr. Müller, der frühere Höchster Bürgermeister, gedachten der Leiden des besetzten Gebietes und feierten die Stunde der Befreiung als einen Erfolg der ruhigen, abwägenden Politik der Republik.

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