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Frankfurter Zeitung 27.09.1929 : Was die größte Banken-Fusion bedeutet

  • Aktualisiert am

Sitz der Disconto-Gesellschaft in Berlin Mitte (Foto um 1925) Bild: Picture-Alliance

Die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft schließen sich überraschend zusammen. Tausende Angestellte sollen entlassen werden. Ihr Frust entlädt sich auch in politischer Radikalisierung.

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          Gegenüber der Sensation, daß durch die Fusion der beiden größten deutschen Banken und durch die völlige Einschmelzung von vier weiteren, ihnen bisher schon nahestehenden Provinzinstitutionen jetzt in Deutschland eine Riesenbank mit 445 Millionen Mark Aktienkapital und Reserven und mit 4 1/4 Milliarden Mark fremden Geldern entsteht, klingt die offiziell für diesen Schritt gegebene Begründung beinahe trivial. Rationalisierung – das ist das Entscheidende. Auch anderes wird daneben noch angeführt: da ein solcher Riesenkörper dem Auslandskredit noch größeren Anreiz (weil größere Garantien) geben könne, daß er sich den ebenfalls zu gewaltiger Größe emporfusionierten Auslandsbanken gleichzeitig zur Seite stellen könne und Aehnliches. Aber der Hauptgesichtspunkt, der allein ausschlaggebende, ist doch die Rationalisierung. Das Bankgewerbe ist übersetzt. Es gibt zwar nicht zu viele selbständige Banken (im Gegenteil, es gibt schon zu wenig Selbstständigkeit!), aber zu viele Filialen, Zweigniederlassungen, Depositenkassen der konkurrierenden Großbanken nebeneinander in allen Städten des Reiches.

          Und so will man zusammenlegen, von oben bis unten. Um von oben bis unten Kosten zu sparen. Man hofft, dadurch die Verwaltungskosten zu ermäßigen, was allerdings in früheren Fällen oft der am meisten problematische Teil des Sparprogramms gewesen ist, wenn nämlich mit dem durch die Fusion automatisch vergrößerten Gesamtumfang des Geschäfts auch die Bezüge der Direktoren und Aufsichtsräte automatisch stiegen und sie sich selbst nicht entsprechenden Reduktionen unterwarfen. Man hofft, dadurch Gebäude freizubekommen. Und man rechnet vor allem mit einer Einschränkung des Angestelltenbestandes. Dessen Zahl wird jetzt bei den zu verschmelzenden Institutionen auf 21.000 angegeben: 3000 davon, so heißt es bisher, denkt man künftig nicht mehr nötig zu haben, den siebenten Teil. Rationalisierung – das Wort ist durch häufigen Gebrauch abgegriffen bis zur Uninteressantheit, so wenig es dadurch auch von seiner realen Bedeutung verloren hat. Aber wenn man es einmal wieder in seiner konkreten Wirkung sieht, wie hier an einem besonders drastischen Falle, dann spürt man die erbarmungslose Wucht wirtschaftlicher Entwicklung, die über Menschenschicksale gehen.

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          Rationalisierung des Bankwesens. Erst kürzlich hat auf der Tagung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie dessen stellvertretender Vorsitzender, der Textilindustrielle Abraham Frowein, diese Rationalisierung dringend gefordert: aus der starken Uebersetzung des Bankgewerbes wie des gesamten Kreditapparates überhaupt ergebe sich eine zusätzliche Belastung der Wirtschaft über den unbedingt notwendigen Zinsfuß hinaus; die Führerschaft des Bankgewerbes solle baldige Schritte zur Aenderung dieser Verhältnisse tun. Nun, die jetzige Riesenfusion soll ja auf dieser Linie liegen. Und es wird das maßgebende Merkmal zu ihrer Beurteilung sein, ob sie nun tatsächlich in absehbarer Zeit zu einer Entlastung der kreditnehmenden Wirtschaft, der Industrie und des Gewerbes führen wird. Die Banken machen nicht den Landeszins an sich, der sich aus dem Verhältnis von Kapitalnachfrage und Kapitalangebot ergibt.

          Aber in diesem Rahmen bestimmen die Banken über den Zins- und Provisionsaufschlag für die von ihnen zu gewährenden Kredite, bestimmen sie über die Spanne zwischen dem Zins, den sie ihren Einlegern zahlen, und dem anderen, den sie von ihren Gläubigern fordern. Sie bestimmen darüber um so mehr, als ihre entscheidenden Institute durch Konditionskartelle schon jetzt verbunden sind. Schon früher ist die Diskussion über dieses Großbankenkartell sehr ernst gewesen – und sehr ernst auch die Frage, ob und welche Maßnahmen etwa die Gesamtheit zu ergreifen habe, um seiner möglichen Ausbeutung zu begegnen. Die Frage wird jetzt erst recht dringend werden. Man wird Früchte davon nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für die Wirtschaft verlangen.

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