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Frankfurter Zeitung 07.04.1919 : Die bayrische Revolution schreitet voran

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Aber in den Bauernländern Deutsch-Oesterreich und Bayern? Die Wiener Sozialdemokraten betonen mit Recht, daß diese bäuerliche Struktur Deutsch-Oesterreichs eine Diktatur des Proletariats unmöglich mache: wollten die Arbeiterräte die Macht mit den Bauernräten teilen, so würde nichts anderes herauskommen als eine Kopie der Wiener Nationalversammlung mit ihrer aus Sozialdemokraten und christlich-sozialen Bauern-Abgeordneten bestehenden Mehrheit: wollen die Arbeiter hingegen die Bauern von aller Teilnahme an der Macht ausschließen, so würde der jetzt schon häufig erhobene Ruf „Los von Wien“ übermächtig werden, und die Folge wäre eine Losreißung des Landes von der Stadt und als unmittelbare Konsequenz daraus die Hungersnot in Wien und der Zusammenbruch. In Bayern hofft man heute über diese Gefahr hinwegzukommen, indem man den Bauern verspricht, sie nicht zu sozialisieren. Aber ob das lange halten wird, ist im höchsten Grade zweifelhaft. In Nordbayern ist die separatistische Bewegung schon lange im Wachsen, und sie wird jetzt voraussichtlich einen neuen, starken Anstoß erhalten. Der Ruf „Los von München“ ist schon erhoben; wenn das Zentrum ihn auch in seine bäuerlichen Kreise hineinträgt, haben die Machthaber der Hauptstadt ausgespielt – was dann?

Vielleicht glauben manche, daß eine weise Selbstbeschränkung der Räteregierung dieses Aueßerste werde verhüten können, daß es sich jetzt nur darum handelte, den (vom Volke gewählten und souveränen!) Landtag auseinander zu jagen, und daß in der jetzt dafür eingesetzten berufsständischen Arbeiter- und Bauern-Regierung nun die reine Vernunft herrschen werde. Wir glauben nicht daran. Wir wollen hoffen, daß der gefundene Sinn und die höhere Kultur des deutschen Volkes uns die russischen Greuel ersparen werde; wir wollen hoffen, daß man aus dem russischen Beispiel wenigstens so viel gelernt habe, um den größten Unsinn auf wirtschaftlichem Gebiete nicht zu wiederholen. Aber es hat gar keinen Zweck die Augen vor dem zu verschließen, was ist.

Vor ungeheure Aufgaben hat uns nach einem entsetzlich verlorenem Kriege, die Revolution gestellt, vor Aufgaben, die man bisher viel zu einseitig als nur wirtschaftliche aufgefaßt hat, während sie in Wahrheit im Tiefsten seelische Aufgaben sind, die aus der Seele des Volkes heraus nach Erfüllung verlangen. Um sie zu lösen, brauchten wir nicht nur die Menschen, die das verständen, sondern wir brauchten vor allem dafür auch Zeit. Denn die Revolution ist ohne die geistige Vorbereitung gekommen, die die andere Revolution nun vor die Aufgabe stellte, längst Durchdachtes zu verwirklichen. Sie ist rein aus dem äußeren Zusammenbruch erwachsen, und alle geistige Durcharbeitung wäre jetzt erst zu leisten. Die Zeit aber, die dafür nötig wäre, haben wir nicht. Chiliastische Hoffnungen sind geweckt, die Nerven sind überreizt durch einen Krieg von mehr als vier Jahren und durch die Unterernährung, die noch immer schlimmer wird – die Geduld ist zerstört. So gehen wir Neuem, Schwerstem entgegen. Wir müssen versuchen, den Brand auf Bayern zu beschränken. Aber wir dürfen des Erfolges nicht allzu sicher sein, dürfen vor allem nicht glauben, daß es nur mit Maschinengengewehren zu leisten sei. Dem Uebel widerstehen durch positive Tat und durch inneren Ernst – das wird nach wie vor die beste und jedenfalls die würdigste Lösung sein.

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