https://www.faz.net/-gpf-9mfnv

Frankfurter Zeitung 30.06.1919 : Der „Gewaltfriede“ ist besiegelt

  • Aktualisiert am

Reichsaußenminister Hermann Müller (Mitte) unterzeichnet den Versailler Vertrag am 28.06.1919. Bild: Picture-Alliance

Am 28. Juni unterzeichnet Deutschland den Versailler Vertrag. Der Schmerz über die wahrgenommene Demütigung ist groß. Doch der Glaube an das Recht lässt auf eine bessere Zukunft hoffen.

          6 Min.

          Am Samstag, den 28. Juni, ist der Friede geschlossen worden, der Gewaltfriede von Versailles. Unerhörtes wurde dem deutschen Volk zugemutet, Unerhörtes wurde durch die Unterschrift der beiden deutschen Minister bewilligt. Auf Japanpapier wurden die beinahe vereinhalbhundert Paragraphen gedruckt und mit dem erlesensten Leder wird das Buch gebunden sein, das in Paris von den Siegern aufbewahrt werden soll. Feste werden gefeiert, Reden gehalten; das goldene Zeitalter des Triumphes hat begonnen. Hinter dem Siegeswagen sollen die „Hauptschuldigen“ Deutschlands vor das Forum der Alliierten geschleppt werden. Deutschland sieht dies alles mit bitterem Groll, aber wir lassen es geschehen, weil wir müssen und in der gläubigen Zuversicht auf das Endurteil des Weltgerichts. Dieser Triumph ist zu billig, diese Erhabenheit der Sieger zu hoffärtig und diese Verdammung der Besiegten ist zu gewissenlos, als daß wir Deutsche heute nicht deutlich fühlten: so darf es, so kann es nicht belieben. Nur eines ist unsere Sorge, wir fragen uns Tag für Tag: welches ist der rechte Weg für das deutsche Volk, um aus der Bedrängnis dieses Gewaltfriedens – und so muß man leider auch sagen – aus der Lethargie unserer Niederlage zu neuem tatkräftigem Leben zu erwachen?

          Lloyd George und Wilson verlassen soeben den Kontinent. Lloyd George wird nachgerühmt, er habe Einblick in diese tiefsten Falten des englischen Herzens. Er ist Brite und würde nur nach hoffnungsloser Niederlage das britische Weltreich aufgegeben haben, aber man hätte erwarten dürfen, daß er den Wert des deutschen Lebens für die Arbeit Großbritanniens deutlich erkannt und der Stimme der englischen Arbeiterführer, denen trotz dem Triumph der Imperialisten die Zukunft gehören wird, Gehör geschenkt hätte, denn die Stimmung der Khakiwahlen ist vergänglich. Und Wilson? Er ist viele Monate seiner Heimat ferngeblieben, um das Recht trotz dem Waffensieg zur Geltung zu bringen. Die Voraussetzungen seiner großen Reden, seiner 14 Punkte und vollends jenes „Friedens ohne Sieger“ waren seit der militärischen Katastrophe Deutschlands und dem ihr folgenden innerpolitischen Zusammenbruch wesentlich geändert; wir verhehlten uns das nicht und schrieben das auch an dieser Stelle. Auf der einen Seite war nun alle Macht, auf der anderen nicht mehr, nicht mehr – außer dem nackten Rechtsanspruch.

          Historisches E-Paper

          Alle Ausgaben des historischen E-Papers im Überblick

          Artikel finden

          Der Bund der Alliierten war brüchig und manches der einzelne Länder war einer ernsten Krisis nahe, aber die unermeßlich schwerwiegenden Siege im Sommer 1918, die Bankrotterklärung der deutschen Heerführer und der darauf folgende innere Einsturz schufen für die Entente wieder eine solide gemeinsame Basis und belebten jedes Land aufs neue. Im kleineren Ausmaß erlebten wir Deutsche ja dasselbe vor Beginn und zu Beginn der großen Offensive, als Ludendorff für das Frühjahr 1918 die Weltenwende ankündigte. So hatte Wilson einen schweren Stand, aber man wird einst Rechenschaft von ihm fordern, ob er alles getan habe, was in seiner Macht war, um trotz dieses Siegestaumels und trotz der beispiellosen Hartnäckigkeit der französischen Machthaber das Recht der 14 Punkte durchzusetzen. Die heutige Einsicht in die intimen Vorgänge der Pariser Vorkonferenz ist viel zu mangelhaft, als daß ein auch nur annähernd sachgemäßes Urteil gesprochen werden könnte. Ueber Wilson und Lloyd George hat man viel gehört, aber man weiß wenig von ihnen. Alles, was man mit Sicherheit erfahren hat, ist die Schrankenlosigkeit der Celemnceau – Foch und der Wortlaut des Friedensvertrages, der neben vielem Billigen ganz Ungeheuerliches enthält. So liegt nun das Werk der Staatsmänner, der alliierten und assoziierten Regierungen, vor uns.

          Wer nicht von den gewaltigen deutschen Teilsiegen und Scheinerfolgen verblendet war, hat immer und immer wieder darauf hingewiesen, daß wir von den Staatsmännern unserer Gegner wenig oder gar nichts zu erwarten haben, daß vielmehr die ganze deutsche Politik und Kriegsarbeit darauf abzielen müsse, den Völkern der Entente die Bahn frei zu machen. Nicht für die vielgepriesene Weltrevolution, sondern zu einer frühzeitigen, rechtzeitigen Verständigung, zu einer Aussöhnung der beiden Kriegsparteien über die Köpfe ihrer Machthaber hinweg. Dafür war die Erfüllung zweier Voraussetzungen unerläßlich: Deutschland mußte mit nüchternster Selbstbescheidung auf dem Höhepunkt seiner kriegerischen Machtentfaltung die Versöhnung, eine absolut ehrliche und Wiedergutmachungen einschließende Versöhnung, anstreben, und zweitens: das deutsche Volk mußte Herr seiner selbst werden und den Imperialismus restlos überwinden. Dann allein konnten wir das Erwachen der feindlichen Völker, die zum großen Teil einen Kreuzzug gegen uns zu führen tatsächlich glaubten, in unsere Friedenspolitik als Faktor einstellen.

          Beides geschah nicht. Unsere Friedenspolitik schwankte mit dem Waffenglück und beging in einem der besten psychologischen Momente – in Brest-Litowsk – einen ungeheuren Fehler, denn Ludendorff pochte bereits auf seine bevorstehende Entscheidungsoffensive; nicht einmal die unumstößliche und einwandfreie Erklärung über Belgien ließen sich unsere Machthaber zur rechten Zeit abringen. Und anstatt der demokratischen Selbstbefreiung des deutschen Volkes kam es nur zu kläglichen Kompromissen mit der Regierung, während deren Ludendorff und seine Helfer die entscheidende Macht immer fester an sich heranzogen. Es hat in Deutschland nie so viel guten Willen, so viele gute Absicht gegeben wie in diesem Kriege, aber auch nie so viele folgenschwere Halbheit, Verwaschenheit und Schwäche. So stürzten wir aus der Wolkenhöhe unserer Machtstellung, ohne die Verständigung auf geeigneten Basis ernsthaft auch nur versucht zu haben, und so verschoben wir die innerpolitische Klärung solange, bis nur noch die halsbrecherische Bahn der Revolution übrig blieb.

          Die „Großen Vier“ von 1919 (r-l): Ministerpräsidenten George (England), Orlando (Italien), Clemenceau (Frankreich) und Präsident Wilson (Amerika)

          Wenn wir den Weg suchen, der uns aus dem Kerker der Friedensbedingungen wieder zur Sonne zurückführen soll, so müssen wir uns über das Schicksal der Verständigungspolitik – um den eben kurz skizzierten Fragenkomplex mit diesem Schlagwort zu bezeichnen – klar zu werden suchen. Es kommt dabei wenig darauf an, sich mit der Untersuchung aufzuhalten, ob denn die Alliierten einem ernsthaften, bewußte und rechtzeitige Verzichte aussprechenden Verständigungsversuch überhaupt Gehör geschenkt hätten. Für uns muß es sich vielmehr darum handeln, festzustellen, daß die Rechtsidee, für die sich das deutsche Volk seit geraumer Zeit, vor allem aber im letzten halben Jahr eingesetzt hat, nicht etwa durch den Gewaltakt von Versailles ad absurdum geführt worden ist. Es ist sehr einfach, sein Gewissen dadurch zu entlasten, daß man auf weithin sichtbare Fehler der anderen mit dem Finger hinweist. Die Brutalität, mit der Deutschland, nachdem es nun am Boden liegt, geknebelt, ausgeplündert und gemartert wurde, darf uns nicht am Glauben an die Richtigkeit des Verständigungsgedankens irre machen. Es hat sich zwar zum Schaden des deutschen Volkes gezeigt, daß infolge einer geradezu wahnwitzigen Kriegsführung und Politik seiner Führer der Krieg als gewaltsames Entscheidungsmittel nicht ganz so überlebt war, als er bei einem Frieden ohne Sieger und Besiegte erschienen wäre. Es hat sich ferner gezeigt – und darüber wundern wir uns nicht – daß in einer solchen unvergleichlichen Machtposition der Sieger, auch wenn sich so erklärte Vorkämpfer der Gerechtigkeit in seinen Reihen befinden, wie es hier der Fall ist, bei dem heutigen Stand der Moral und der internationalen Politik auf Gerechtigkeit und Verständigung keinen Wert mehr legt.

          Diese Erfahrungen haben die neuen Rechtsidee, deren ganze Größe dem deutschen Volke ja auch erst allmählich bewußt geworden ist, in eine gefährliche Krisis gebracht. Die ganze Welt steht heute im im Zeichen dieser geistigen Krisis. Für den Sieger mag sie nicht minder schwer zu überwinden sein als für den Besiegten. Und doch, sie muß überwunden werden. Die Not Europas, ja der ganzen Welt ist zu groß und alles Elend der kommenden Generationen wäre unabsehbar, wenn die Krisis nicht überstanden würde. Der Aufbau, an den jetzt, nachdem der Friede durch Deutschlands Selbstüberwindung hergestellt ist, alle Völker mit Hoffnungsfreudigkeit herantreten müssen, lohnte sich fürwahr nicht, wenn damit nur die Machtmittel für einen neuen Zusammenprall und damit eine neue Katastrophe geschaffen würden. Vom Sieger müssen wir, müssen vor allem die eigenen Völker fordern, daß er nun, nachdem er seinen Triumph gefeiert hat, zur Vernunft und zum Recht zurückkehre, und die Besiegten werden ihr Herz rein halten müssen von dem Gedanken, bei der ersten Gelegenheit, die sich im Wechsel der politischen Lage ergibt, mit kriegerischer Gewalt Revanche zu suchen.

          Die Weltpolitik wird ihren ewigen Stromlauf weiter rollen und Deutschland wird nicht dauernd unter der Ungunst seines Schicksals leiden. Aber das innere geistige Ziel, das wir uns setzen wollen, das muß die Wiedergeburt unseres Reiches in friedlicher Entwicklung und die Befreiung von dem Joch von Versailles durch die Mittel der Vernunft und des Rechts sein. Je klarer dieser Weg für die andern Völker erkennbar sein wird, desto rascher werden sie bereit sein, das Unerträgliche und Unmögliche aus diesem Vertrag zu streichen und aus dem schlechten Werk der Staatsmänner ein besseres Werk der Völker zu machen.

          Der Vertrag ist unterzeichnet; es fehlt am formellen Abschluß des Friedens nur noch die Ratifikation. Für Deutschland gibt es dabei kein Bedenken und die Nationalversammlung hat ja ihr Votum eigentlich schon im voraus abgegeben. Beschleunigen wir die Ratifikation, jeder Tag, den wir gewinnen, kommt unseren unglücklichen Gefangenen und dem Wiederaufbau unseres Reiches zu gute. Und jeder gewonnene Tag kürzt die Frist, die uns von dem Zeitpunkt trennt, an dem der Verein der Völker zum erstenmal die Hand anlegt, um die schlimmsten Stacheln aus dem Vertrag von Versailles zu lösen.

          Weitere Themen

          „Die Politik ist gegen uns“ Video-Seite öffnen

          „Bauerndemo“ in München : „Die Politik ist gegen uns“

          In München und Bonn gingen mehrere Tausend Beschäftigte aus der Landwirtschaft auf die Straße, um sich Gehör zu verschaffen. Tausende Landwirte appellierten mit Demonstrationen an Verbraucher und Politik, um positiver wahrgenommen und besser unterstützt zu werden.

          Topmeldungen

          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          AKKs Schutzzonen-Vorstoß : Befreiungsschlag oder Sargnagel

          Kramp-Karrenbauers Vorstoß zur Errichtung einer Schutzzone in Syrien entspricht der Forderung, Deutschland solle mehr Verantwortung in der Weltpolitik übernehmen. Doch schon der Außenminister zieht das Verspotten vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.