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Frankfurter Zeitung 30.06.1919 : Der „Gewaltfriede“ ist besiegelt

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Diese Erfahrungen haben die neuen Rechtsidee, deren ganze Größe dem deutschen Volke ja auch erst allmählich bewußt geworden ist, in eine gefährliche Krisis gebracht. Die ganze Welt steht heute im im Zeichen dieser geistigen Krisis. Für den Sieger mag sie nicht minder schwer zu überwinden sein als für den Besiegten. Und doch, sie muß überwunden werden. Die Not Europas, ja der ganzen Welt ist zu groß und alles Elend der kommenden Generationen wäre unabsehbar, wenn die Krisis nicht überstanden würde. Der Aufbau, an den jetzt, nachdem der Friede durch Deutschlands Selbstüberwindung hergestellt ist, alle Völker mit Hoffnungsfreudigkeit herantreten müssen, lohnte sich fürwahr nicht, wenn damit nur die Machtmittel für einen neuen Zusammenprall und damit eine neue Katastrophe geschaffen würden. Vom Sieger müssen wir, müssen vor allem die eigenen Völker fordern, daß er nun, nachdem er seinen Triumph gefeiert hat, zur Vernunft und zum Recht zurückkehre, und die Besiegten werden ihr Herz rein halten müssen von dem Gedanken, bei der ersten Gelegenheit, die sich im Wechsel der politischen Lage ergibt, mit kriegerischer Gewalt Revanche zu suchen.

Die Weltpolitik wird ihren ewigen Stromlauf weiter rollen und Deutschland wird nicht dauernd unter der Ungunst seines Schicksals leiden. Aber das innere geistige Ziel, das wir uns setzen wollen, das muß die Wiedergeburt unseres Reiches in friedlicher Entwicklung und die Befreiung von dem Joch von Versailles durch die Mittel der Vernunft und des Rechts sein. Je klarer dieser Weg für die andern Völker erkennbar sein wird, desto rascher werden sie bereit sein, das Unerträgliche und Unmögliche aus diesem Vertrag zu streichen und aus dem schlechten Werk der Staatsmänner ein besseres Werk der Völker zu machen.

Der Vertrag ist unterzeichnet; es fehlt am formellen Abschluß des Friedens nur noch die Ratifikation. Für Deutschland gibt es dabei kein Bedenken und die Nationalversammlung hat ja ihr Votum eigentlich schon im voraus abgegeben. Beschleunigen wir die Ratifikation, jeder Tag, den wir gewinnen, kommt unseren unglücklichen Gefangenen und dem Wiederaufbau unseres Reiches zu gute. Und jeder gewonnene Tag kürzt die Frist, die uns von dem Zeitpunkt trennt, an dem der Verein der Völker zum erstenmal die Hand anlegt, um die schlimmsten Stacheln aus dem Vertrag von Versailles zu lösen.

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