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Frankfurter Zeitung 30.06.1919 : Der „Gewaltfriede“ ist besiegelt

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Wer nicht von den gewaltigen deutschen Teilsiegen und Scheinerfolgen verblendet war, hat immer und immer wieder darauf hingewiesen, daß wir von den Staatsmännern unserer Gegner wenig oder gar nichts zu erwarten haben, daß vielmehr die ganze deutsche Politik und Kriegsarbeit darauf abzielen müsse, den Völkern der Entente die Bahn frei zu machen. Nicht für die vielgepriesene Weltrevolution, sondern zu einer frühzeitigen, rechtzeitigen Verständigung, zu einer Aussöhnung der beiden Kriegsparteien über die Köpfe ihrer Machthaber hinweg. Dafür war die Erfüllung zweier Voraussetzungen unerläßlich: Deutschland mußte mit nüchternster Selbstbescheidung auf dem Höhepunkt seiner kriegerischen Machtentfaltung die Versöhnung, eine absolut ehrliche und Wiedergutmachungen einschließende Versöhnung, anstreben, und zweitens: das deutsche Volk mußte Herr seiner selbst werden und den Imperialismus restlos überwinden. Dann allein konnten wir das Erwachen der feindlichen Völker, die zum großen Teil einen Kreuzzug gegen uns zu führen tatsächlich glaubten, in unsere Friedenspolitik als Faktor einstellen.

Beides geschah nicht. Unsere Friedenspolitik schwankte mit dem Waffenglück und beging in einem der besten psychologischen Momente – in Brest-Litowsk – einen ungeheuren Fehler, denn Ludendorff pochte bereits auf seine bevorstehende Entscheidungsoffensive; nicht einmal die unumstößliche und einwandfreie Erklärung über Belgien ließen sich unsere Machthaber zur rechten Zeit abringen. Und anstatt der demokratischen Selbstbefreiung des deutschen Volkes kam es nur zu kläglichen Kompromissen mit der Regierung, während deren Ludendorff und seine Helfer die entscheidende Macht immer fester an sich heranzogen. Es hat in Deutschland nie so viel guten Willen, so viele gute Absicht gegeben wie in diesem Kriege, aber auch nie so viele folgenschwere Halbheit, Verwaschenheit und Schwäche. So stürzten wir aus der Wolkenhöhe unserer Machtstellung, ohne die Verständigung auf geeigneten Basis ernsthaft auch nur versucht zu haben, und so verschoben wir die innerpolitische Klärung solange, bis nur noch die halsbrecherische Bahn der Revolution übrig blieb.

Die „Großen Vier“ von 1919 (r-l): Ministerpräsidenten George (England), Orlando (Italien), Clemenceau (Frankreich) und Präsident Wilson (Amerika)

Wenn wir den Weg suchen, der uns aus dem Kerker der Friedensbedingungen wieder zur Sonne zurückführen soll, so müssen wir uns über das Schicksal der Verständigungspolitik – um den eben kurz skizzierten Fragenkomplex mit diesem Schlagwort zu bezeichnen – klar zu werden suchen. Es kommt dabei wenig darauf an, sich mit der Untersuchung aufzuhalten, ob denn die Alliierten einem ernsthaften, bewußte und rechtzeitige Verzichte aussprechenden Verständigungsversuch überhaupt Gehör geschenkt hätten. Für uns muß es sich vielmehr darum handeln, festzustellen, daß die Rechtsidee, für die sich das deutsche Volk seit geraumer Zeit, vor allem aber im letzten halben Jahr eingesetzt hat, nicht etwa durch den Gewaltakt von Versailles ad absurdum geführt worden ist. Es ist sehr einfach, sein Gewissen dadurch zu entlasten, daß man auf weithin sichtbare Fehler der anderen mit dem Finger hinweist. Die Brutalität, mit der Deutschland, nachdem es nun am Boden liegt, geknebelt, ausgeplündert und gemartert wurde, darf uns nicht am Glauben an die Richtigkeit des Verständigungsgedankens irre machen. Es hat sich zwar zum Schaden des deutschen Volkes gezeigt, daß infolge einer geradezu wahnwitzigen Kriegsführung und Politik seiner Führer der Krieg als gewaltsames Entscheidungsmittel nicht ganz so überlebt war, als er bei einem Frieden ohne Sieger und Besiegte erschienen wäre. Es hat sich ferner gezeigt – und darüber wundern wir uns nicht – daß in einer solchen unvergleichlichen Machtposition der Sieger, auch wenn sich so erklärte Vorkämpfer der Gerechtigkeit in seinen Reihen befinden, wie es hier der Fall ist, bei dem heutigen Stand der Moral und der internationalen Politik auf Gerechtigkeit und Verständigung keinen Wert mehr legt.

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