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Frankfurter Zeitung 08.11.1929 : Als Zehntausende Russlanddeutsche fliehen mussten

  • Aktualisiert am

Vertrieben und verfolgt: Die als Kulaken diffamierten Bauern müssen ihren Hof in der Ukraine räumen. Bild: Picture-Alliance

Weil ihnen Enteignung droht, fliehen deutschstämmige Kleinbauern aus ganz Russland Richtung Kanada. Gerade sind sie mit dem Dampfer in Kiel gelandet. Ein Korrespondent hat mit ihnen gesprochen.

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          Etwas von der Freiligrathschen Auswandererstimmung, die man von der modernen Verkehrstechnik längst überwunden glaubte, wird wieder lebendig, wenn man den ersten Schub deutschrussischer Bauern zu Gesicht bekommt, die jetzt auf dem Wege von Sibirien und Südrußland über Moskau und Deutschland nach Kanada in Kiel eingetroffen sind.

          332 Menschen, Männer, Frauen, Greise und Kinder, hat der russische Frachtdampfer „Dserschinski“ vor einigen Tagen im Nordostseekanal an der Holtenauer Schleuse ausgeladen. Ausgeladen wie irgendwelches andere Frachtgut. Wie Frachtgut sind diese russischen Bauern auch in den Laderäumen des Schiffes transportiert worden. Und doch glaubt man ihnen gern, daß sie die Verladung an Bord des Dampfers als ein unerhörtes Glück, als eine Erlösung aus monatelanger Pein des Wartens und Hungerns empfunden haben.

          Zehntausende deutsche Bauern, Nachkommen der deutschen Auswanderer, die seit den Zeiten Katharinas Land und Heimat in Rußlands und Sibiriens Steppen gesucht und gefunden hatten, haben dem Land der Sowjets ihre Mitarbeit aufgesagt. Zehntausend deutschstämmige Bauern aus den Gouvernements des Ostens und des Südens bis zur Krim haben sich, wie die Zeitungen meldeten, vor und in Moskau versammelt, um von den russischen Behörden ein einziges, aber gewichtiges Stück Papier zu erhalten: ihren Paß mit der Auswanderungsgenehmigung.

          Schon vor einigen Jahren fing es an, etwa um 1925, als nach Lenins Tode der „neue Kurs“ in Rußland auf dem flachen Lande sich gegen die Reste kleinbäuerlicher Selbstständigkeit wandte. Gold hatten die deutschrussischen Bauern auch in früheren Zeiten nicht scheffeln können, aber der ertragfähige Boden hatte ihnen selbst bei schlechten Erntepreisen eine von den Hauptsorgen freie Existenz gesichert.

          Stalins Politik bringt Bauern um ihre Freiheit

          Durch Generationen hin war ihre persönliche und wirtschaftliche Freiheit im Grundsätzlichen nicht angetastet worden, ihre deutsche Muttersprache hatte in eigenen Schulen vorbildliche gute Pflege gefunden. Daß gegenüber solchem Menschenschlag, dessen geistige Grundlage die ihrer Umwelt um ein Mehrfaches überragte, gegenüber einem Menschenschlag, der auch in der Diaspora seinen Nationalcharakter und sein mennonitisches Glaubensbekenntnis bewahrt hatte, die brutalen Methoden räterussischer Kommunisierungspolitik als ein Hohn auf das Menschenrecht, als bewußter Vernichtungsschlag gegen ihre soziale Stellung empfunden wurde, läßt sich denken.

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          Trotzdem haben sie Jahre hindurch versucht, eine erträgliche Lösung, eine Verständigung mit den Ideen des neuen Rußland zu finden. Man kann ihren Versicherungen schon glauben, daß sie gegen das Rätesystem keine konterrevolutionäre Politik betrieben, daß sie vielmehr versucht haben, durch sinngemäße Uebertragung die kommunistischen Grundgedanken auf die Wirtschaftsformen der deutschen Bauerngemeinden durchzuführen.

          So schilderte mir ein fast Siebzigjähriger aus dem Gouvernement Orenburg den Aufbau von Bauernkommunen, welche mit Hilfe der genossenschaftlichen Konstruktion die Leninschen Lehren in die Praxis der Landwirtschaft umsetzen sollten. Ueberhaupt kann man feststellen, daß der Name Lenin auch unter diesen jetzt heimatlosen Bauern mit Hochachtung, nicht selten mit dem unverkennbaren Ausdruck der Verehrung genannt wird; das zeugt nicht minder für Lenins Genie und menschliche Größe als gegen die Methoden seiner Epigonen, denen, auch wenn die Erzählungen der Auswanderer nur zum kleinen Teil wahr wären, der Mensch nichts, das System alles zu sein scheint.

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