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Frankfurter Zeitung 21.10.1929 : Das böse Radio?

  • Aktualisiert am

Ein Paar beim Radiohören im November 1928 Bild: Picture-Alliance

Das Radio bietet Politikern neue Wege, um sich der Bevölkerung mitzuteilen. Doch die direkte Übertragung birgt auch Risiken. Das scheint auch Hugenberg zu merken – und sagt eine Radiodebatte ab. Der Beschluss sorgt für Gespött.

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          Die Bäuerlein sterben aus, die eine unüberwindliche Scheu vor der Eisenbahn hatten. Sie ziehen nicht mehr (wenn sie doch zu einer Eisenbahnfahrt genötigt sind) in Todesangst, die Notleine, wenn der Zug in schnellere Fahrt kommt. Doch gibt es einen neuen, ganz ähnlichen Spaß. Die jüngste technische Erringung, das Radio, jagt sogar Politikern unsere Tage einen solchen Schrecken ein, daß sie kein Mensch vor das Mikrophon bringt.

          Ganz Deutschland verfolgt mit Heiterkeit die Auseinandersetzung zwischen der Deutschnationalen Volkspartei und dem Radio. Man sollte sich nicht zu sehr darüber lustig machen. Man muß die Deutschnationalen verstehen. Das Radio ist offensichtlich eine Erfindung des Teufels und der Republik – vor dem Krieg hat kein Mensch einen Radioapparat besessen.

          Im politischen Ueberwachungsauschuß der Deutschen Welle müssen Deutschnationale sitzen, die nur durch einen unglückseligen Zufall in die Partei geraten sind und von Hugenbergs Geist noch keinen Hauch verspürt haben. Sie haben gemeinsam mit ihren Kollegen im Ueberwachsungsauschuß Herrn Hugenberg gebeten, an einem Zwiegespräch über das Volksbegehren als der eine Partner teilzunehmen. Hugenberg hat abgelehnt. Auch die Herren Dr. Quaatz und Graf Westarp wurden aufgefordert – auch sie waren nicht ans Mikrophon zu bringen.

          Moderne Zeitgenossen werden die Haltung der deutschnationalen Führer bedauern. Hörte man die Gegner der Republik nicht oft darüber klagen, daß die Demokratie wohl in alten Zeiten, auf germanischen Things, in griechischen Stadtrepubliken, in übersichtlichen Verhältnissen durchführbar gewesen sei? Daß jetzt aber, in der Zeit der Massenhaftigkeit, der Bürger gar keine gar keine direkte Vorstellung von den Politikern gewinnen könne? Daß in der Demokratie immer der Sieger sei, der am lautesten schreie? Zum Glück haben wir eine Technik. Sie hat die Aufgabe, die Menschenmillionen wieder zusammenzubringen. Was ist das doch für eine eigenartige Sache, daß in Berlin zwei Menschen am Mikrophon stehen und sachlich debattieren können und daß sozusagen das ganze deutsche Volk zuhört! Die Zerstreuung in Millionen von Einzelindividuen ist plötzlich aufgehoben. Die Zuhörer haben die Möglichkeit, auf die Stimme der beiden Redner zu hören, den Grad der Ueberzeugtheit festzustellen, der aus ihren Worten spricht. Sie können prüfen, wie ein Einwand des Einen auf den Anderen wirkt, sie hören nicht nur die Worte, sondern auch das Zögern, das zwischen ihnen liegt. Das ist ja sonst das Langweilige, daß man nur die eine Seite hört und nicht sofort feststellen kann, wieweit das auch hieb- und stichfest sei, was da behauptet wird.

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          Die Deutschnationalen laden einen schlimmen Verdacht auf sich. Sind sie wirklich nur altmodisch? Handelt es sich nicht vielleicht darum, daß die Guten insgeheim selbst nicht von der Möglichkeit überzeugt sind, ihren Standpunkt in einer fairen Debatte vor dem deutschen Volk zu behaupten? Es ist natürlich einfach, im Hinterpommerschen Generalanzeiger, im Stahlhelmwochenblatt und in der Hugenbergpresse, schließlich auch unter den ewig und immer Treugesinnten auf dem Kyffhäuser zu haben. In den Versammlungen kann man mit dem bewährten Methoden einen Diskussionsgegner niederschreien oder niederknüppeln. Dem Radio gegenüber wäre man ohnmächtig. Der getreue Deutschnationale könnte ja schließlich seinen Lautsprecher an die Wand feuern. Aber damit würde er nur sich selbst Schaden zufügen. Vor den Millionen Zuhörern gälte nur die Kraft des Ueberzeugens.

          Die Deutschnationalen gehen einen gewagten Weg. In ihrer eigenen Partei flüstern viele: Man hätte dieses Volksbegehren nicht machen sollen. Nun müssen sie Farbe bekennen. Nun werden sie selbst auf Herz und Nieren geprüft. Es war so schön, zehn Jahre lang zu schimpfen und sich insgeheim zu freuen, daß die anderen die selten angenehme Politik der Vernunft treiben mußten Nun müssen die Kritiker selbst sagen, wie sie es sich denken. Nun stellt sich heraus, daß sie nur groteske Vorschläge haben. Zum Ueberfluß schickt dann noch der Teufel die Anfechtung des Radios. Man würde sich blamieren, ob man nun zusagte oder ablehnte. Es ist nicht mehr schön, im Jahre 1929 zu leben.

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