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Frankfurter Zeitung 23.06.1930 : Darum ist die NSDAP so erfolgreich

  • Aktualisiert am

„Wählt Hitler“: Nationalsozialistische Propagandaplakate für die Wahl des Reichspräsidenten 1932. Bild: Picture-Alliance

Die NSDAP triumphiert bei den sächsischen Landtagswahlen. Vor allem junge Wähler fühlen sich zu ihr hingezogen. Die Frankfurter Zeitung analysiert, warum die Faschisten so erfolgreich sind. Einer der Gründe: Protestwähler.

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          Nichts wäre törichter, als über die Tatsache hinwegzureden, daß die Nationalsozialisten in den sächsischen Landtagswahlen eine außerordentlich starke Zunahme erfahren haben.

          Daß eine Zunahme überhaupt eintreten werde, hat jedermann angenommen, in erster Linie die Nationalsozialisten selber.

          Obgleich sie der früheren Koalition angehörten, haben sie die Auflösung des Landtags geradezu provoziert. Wahrscheinlich ist die Initiative dazu nicht von den sächsischen Nationalsozialisten, sondern von der Zentrale ausgegangen, die der thüringischen Regierung durch eine Vermehrung der sächsisch-nationalsozialistischen Abgeordneten eine indirekte Stütze geben wollte. In Sachsen selbst haben die Nationalsozialisten mit einer Verdoppelung ihrer Mandatszahlen, also von fünf auf zehn, gerechnet.

          Ihre eigenen Erwartungen sind übertroffen. Sie haben den Deutschnationalen, den Volkspareilern und wohl auch anderen Gruppen so viel abgenommen, und es sind, insbesondere sicherlich aus den jüngsten Altersklassen, so viele Stimmen hinzugekommen, daß sie etwa eine Verdreifachung ihrer Mandatszahl erreicht haben und nach den Sozialdemokraten als zweitstärkste Fraktion in den Landtag einziehen werden.

          Die Tatsache liegt vor. Man soll sie gewiß nicht überschätzen, aber man soll sich vor allem klar machen, wie das gekommen ist.

          Die ganze nationalsozialistische Bewegung ist vor allem anderen ein Stimmungsvorgang. Ein Vorgang, der nicht auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden kann, sondern mehrere Wurzeln hat. Die erste und tiefste ist der Ausgang des Krieges, ist das große und schwere Unrecht, das der Vertrag von Versailles dem deutschen Volke auferlegt hat.

          Daß er ein solches Unrecht ist, das wissen wahrlich auch diejenigen Parteien, die seither die äußere Politik Deutschlands bestimmt haben. Sie befanden sich aber in dem Nachteil, daß sie sich mit dieser Ueberzeugung und Empfindung nicht begnügen konnten, sondern daß sie diejenige positive Politik machen mußten, die nötig war, um uns über die ungeheuren Gefahren der Zeit hinwegzubringen.

          Unendlich leichter hatten es diejenigen, die sich damit begnügen konnten, einfach Nein, Nein und Nein zu sagen. Aber gerade diese anscheinend heroische Haltung macht auf Menschen Eindruck, die sich nur von Gefühlen und Stimmungen leiten lassen.

          Es ist wirklich nur anscheinend eine heroische Haltung, denn die Bemühungen der anderen, positiv zu arbeiten, trotz dem ungünstigen Lichte und trotz den Verdächtigungen und Verleumdungen – diese Bemühungen sind viel heroischer. Aber politische Primitivität sieht das nicht. Wenn schon die Deutschnationalen den Kampf gegen geltende auswärtige Politik zu ihrem Hauptpunkte machen, obgleich sie, falls sie gerade einmal in der Regierung sind, diese Politik einfach unterschreiben – so überrascht es nicht, daß jüngere Kreise gegen Young-Plan und anderes aufbegehren.

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          Man kann sich ihre politische Primitivität nicht groß genug vorstellen. Die heutige Jugend ist ja ein weitem Umfange anders als früher. Sie ist vortrefflich im Sport, aber sie weiß weniger, sie interessiert sich viel weniger für Kenntnisse und gibt sich einfach dem Gefühle hin. Man hat dem Zwanzigjährigen das Wahlrecht gegeben, und da er heute so ist – gewiß nicht jeder, aber doch in großer Zahl – sieht man das Ergebnis.

          Eine andere Wurzel ist die sogenannte Krise des Parlamentarismus. Wir sind überzeugt, daß es auf die Dauer keine bessere Form gibt, die öffentlichen Angelegenheiten des Reiches zu führen, als ihn. Krank ist nicht der Parlamentarismus, sondern ungesund zum Teil ist das, was Parlamentarier aus ihm gemacht haben.

          Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, daß sich manches aus dem Mangel an Erfahrung erklärt. Tatsache ist leider, daß man nicht genügend unterschieden hat zwischen Veränderungen, die notwendig waren, und Verschiebungen, die nicht hätten sein sollen. Es ist selbstverständlich, daß man nach einer grundstürzenden Wandlung des Staatswesens nicht einfach mit dem alten Apparat weiterarbeiten konnte.

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