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Frankfurter Zeitung 11.01.1929 : Woher kommt die Armut und die Hilfsbedürftigkeit?

  • Aktualisiert am

In einer Wärmehalle in Berlin-Neukölln erhalten Arbeitslose und Bedürftige Essen. (Foto um 1931) Bild: Picture-Alliance

Die Ursachen der Armut sind umstritten. Oftmals wird versucht, die Bedürftigkeit anhand einfacher Mechanismus zu ergründen. Dabei sind die Verarmungsprozesse vielfältiger und komplexer als angenommen.

          „Die Armut kommt von der Powertsch“ sagt ein geflügeltes Wort, und damit, „wir wissen, daß wir nichts wissen“. Tatsächlich ist zu allen Zeiten von Wissenschaft und Politik diese Frage gestellt worden, und die Antwort war je nach der herrschenden Wirtschaftstheorie oder nach der politischen Richtung verschieden. Der Malthusschen Lehre folgend sah die Vorkriegszeit in den Armen und Hilfsbedürftigen noch die Hefe des Volkes, Menschen, die durch eigene Schuld, Unwirtschaftlichkeit oder Mangel an Fleiß, durch Liederlichkeit oder Unmoral zu Almosenempfängern geworden waren. Daher auch die bis zur Revolution geltende Bestimmung, daß jeder, der öffentlich unterstützt wurde, der bürgerlichen Ehrenrechte verlustig ging, daher bis zum heutigen Tag in weiten Kreisen das Vorurteil gegen Arme und Unterstützte, daher in der Wohlfahrtsgesetzgebung das Bemühen, „die übrigen Unterstützten“, d. s. diejenigen Hilfsbedürftigen, die nicht Kriegs- und Inflationsopfer waren, und in dieser Eigenschaft gewisse Vorteile genossen, aus der früheren, jeden Aufstieg unmöglich machenden Armenpflege herauszuheben, und diese durch eine sowohl vorbeugend als auch heilend wirkende Wohlfahrtspflege zu ersetzen.

          Neue Erkenntnisse zu Ursachen

          Trotz aller Bemühungen der Wissenschaft sind jede Vorurteile noch immer in weiten Kreisen unseres Volkes verwurzelt und nur schwer auszurotten: Man sagt auf der einen Seite, die Armenbevölkerung ergänze sich immer wieder aus ihren eigenen Reihen, und sieht auf der anderen Seite in der Unwirtschaftlichkeit, in liederlicher Veranlagung usw. die Hauptursachen für die Verarmung der Schützlinge der Wohlfahrtspflege. Der Kampf der Fachkreise gegen diese Vorurteile ist solange hoffnungslos, als es an wissenschaftlich einwandfreien Material fehlt, um diese Meinung statistisch zu widerlegen. Die Städte erhalten aber allmählich eine Fürsorgestatistik, die bestimmte Form anzunehmen und in die Praxis umgesetzt zu werden beginnt. Von dieser Seite aus öffnen sich alle nach und nach die Quellen, wie sich auch die zentralen Stellen bemühen, die Behandlung dieser Fragenkomplexe zu fördern.

          So hat die Sächsische Landeswohlfahrtsstiftung vor einigen Monaten die Ergebnisse einer Preisaufgabe veröffentlicht (Verlag B. G. Teubner Leipzig), die gerade diese Probleme (die örtliche und soziale Herkunft der öffentlich unterstützten Personen, insbesondere der verwahrlosten Familien) zum Gegenstand hatte. Man hat die Bearbeitung der Aufgabe für mehrere Städte (Groß-, Mittel- und Kleinstädte) veröffentlicht und dabei hat sich in den wichtigen Fragen eine interessante Uebereinstimmung gezeigt. So, wenn z. B. die Frankfurter Arbeit, deren Untersuchungen sich auf alle öffentlich Unterstützten eines Bezirks erstrecken, das Ergebnis zeigt, daß „langjähriger unter Umständen jahrhundertelanger Aufenthalt in der Großstadt eine Verarmung nicht verhindert, daß auch die Wirtschaftlichsten von höheren Mächten (Inflation, Wirtschaftskrisen) in die Fürsorge gedrängt werden“, ein Ergebnis, das auch in allen anderen Arbeiten sich vorfindet. Oder auch jenes, daß alle Berufsschichten in der unterstützten Bevölkerung zu finden sind, und daß die Unterstützten fast ausschließlich aus Kreisen der Nichtunterstützten stammen.

          Dabei übt die soziale Herkunft höchstens in der Weise einen Einfluß auf den schnellen Ablauf des Veramungsprozesses, als die Kinder der wirtschaftlich schlechter gestellten Schichten in Berufe zwingt, die wirtschaftlich nicht genügend Erwerb versprechen. Mit Recht gibt die Frankfurter Arbeit zu diesem Punkt den Ausblick auf jene Zeit, „in der die jetzige Schulreform, die jedem tüchtigen Kinde eine entsprechende Ausbildung zukommen lassen will, hier vielleicht Wandel geschafft haben wird. Es ist außerordentlich bedauerlich, daß in den vorliegenden Arbeiten nicht auch die Kehrseite des Problems, die Gestaltung des späteren Lebens von früher Unterstützten, verfolgt worden ist, aus naheliegenden Gründen nicht verfolgt werden konnte, aber die Schlußfolgerung der Frankfurter Arbeit ist sicher richtig: „Könnten wir Generationen zurück oder vorwärts die wirtschaftliche Lage der jetzt unterstützten Familien erforschen oder erschauen, so würde sich bei den meisten Familien ein stetes Auf und Ab zeigen, bei einzelnen sogar jähe Abstürze, bei anderen steile Aufstiege, manches Bild sich im Lauf der Jahrhunderte wiederholen. Es liegt darin begründet, daß jede Generation andere wirtschaftliche Verhältnisse vorfindet, in die sie sich einzupassen hat.“

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          Auch die Untersuchungen über die verwahrlosten Dauerfälle bringen interessante Ergebnisse. In Frankfurt bilden die verwahrlosten Dauerfälle als jeden, die für eine Zurückgewinnung zu einem ordentlichen leben nicht mehr in Frage kommen, nur etwa 1 Prozent aller Unterstützungsfälle, ein schlagender Beweis dafür, daß Wohlfahrtspflege auch im Sinne der Wirtschaft durchaus produktiv ist, indem die tragende Elemente ihr erhält und zurückführt. Ueberraschend für den Laien ist auch die Tatsache, die aus Würzburg gemeldet wird, daß dort nämlich ca. 20 Prozent der untersuchten verwahrlosten Fälle dem Mittelstand angehören, erblich Belastete, unglücklich veranlagte Menschen, bei denen diese Veranlagung vielfach erst durchgebrochen ist, wenn sie schon längst im Berufe standen. Wie stark die Allgemeinheit durch diese Fälle belastet wird, zeigen die relativ häufigen Fälle, in denen aus der Ehe zweier solcher Menschen gebrechliche oder der Verwahrlosung anheimfallende Kinder hervorgegangen sind. Jeder einzelne dieser Fälle zeigt die Dringlichkeit der Schaffung eines Verwahrlosungsgesetzes. Es wird aber auch nötig sein, in den breiten Volksschichten das Verständnis für die Erfordernisse der Wohlfahrtspflege zu wecken und die Kenntnis von der Not und ihren Ursachen in breiteste Kreise zu tragen.

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