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Frankfurter Zeitung 25.03.1918 : Frühjahrsoffensive 1918: „Ihr habt’s gewollt!“

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Ein geschändeter Friedhof bei Bapaume an der französischen Westfront. Bild: Picture-Alliance

Allzu geschwächt scheint das Deutsche Heer nicht zu sein. Mit der Frühjahrsoffensive 1918 wollen sie den Krieg noch wenden - zuerst sieht es gut aus.

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          Wenn heute der Schützdonner aus der großen Angriffsschlacht der Deutschen bis Paris dringt, den deutschen Sieg über zwei englische Armeen verkündend, wenn die Hauptstadt Frankreichs selbst unter dem Feuer der neuen artilleristischen Wunderwerke und unter den Geschossen der deutschen Flieger erbebt, wenn endlich der Feind in London die in jahrelanger Arbeit errichtete und ausgebaute Front, ganze Armeen Großbritanniens, beim ersten großen Ansturm Hindenburgs und Ludendorffs wanken, ja sogar zerbrechen sieht, zerbrechen unter Strömen englischen Blutes und inmitten der Trümmer verwüsteter französischer Provinzen – wenn so die Schrecken des Krieges von neuem über Millionen von Menschen gekommen sind, dann werden die gegen uns kämpfenden Völker sich jener Tage erinnern müssen, an denen die Machthaber Englands und Frankreichs die Hand, die ihnen Frieden und Verständigung anbot, mit groben Worten zurückgestoßen haben.

          Es ist kein Zufall, wenn „Manchester Guardian“ unter dem Eindruck der bestürzenden und verworrenen Meldungen des englischen Generalstabs jener Phasen des Kriegs gedenkt, in denen ein Gedankenaustausch so nahe lag. Wenn heute die „Times“ schreibt, das englische Heer kämpfe jetzt für die Sicherheit und Freiheit seiner Inseln und für das, was sie die westliche Zivilisation nennt, so wird es in der Beklemmung der neuen Schlacht den Bürgern in England und Frankreich schwer machen zu verstehen, warum Lloyd Georde und Clemenceau die Notwendigkeit zu solcher Verteidigung mit allen Mitteln ihrer Staatskunst geradezu herangezüchtet haben.

          Bluten sie um Elsaß-Lothringen und um die Kriegsentschädigung der Belgier? Die Größe der Opfer, die unsere Feinde zu bringen entschlossen sind, läßt auf stärkere Motive schließen. Mit diesen Beweggründen zur Kriegslust wreden sich die Völker Englands und Frankreichs auseinanderzusetzten haben, währen Schlag auf Schlag an der Westfront – so wünschen und so hoffen wir – zu unseren Gunsten fallen wird.

          Die Presse unserer Gegner hält uns vor, wir Deutsche seien zum Angriff gezwungen, wir könnten nicht mehr länger warten, sie knüpft Hoffnungen daran und prophezeit unseren Zusammenbruch für den Fall, daß der deutsche Angriff nicht durchdringe. Als die Engländer im vergangenen Jahr unter so unerhörten Opfern monatelang in Flandern stürmten – monatelang fest auf demselben Fleckchen Erde kämpfend und blutend – da sagten wohl auch wir: die Not des Tauchbootkriegs und die Entwicklung im Osten zwingen unsere Feinde zu einer Verzweiflungsoffensive. Tatsächlich war es auch nichts anderes, das hat die Erfahrung inzwischen gelehrt.

          Wir waren vorsichtig genug hinzuzusetzen: eine zusammengebrochene Offensive der Engländer wird diese niemals zum Frieden zwingen können, denn sie verlieren dabei ja nur eine Hoffnung, aber nicht die Möglichkeit der Verteidigung. Daß nun unsere Oberste Heeresleitung den großen Angriff der Deutschen nur deshalb vornimmt, weil sie ihn für nötig hält, um den Krieg so rasch als möglich zu beenden – daraus kann ihr doch wohl selbst der Feind keinen Vorwurf machen.

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