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Frankfurter Zeitung 08.04.1918 : Französisches Wutgeschrei

  • -Aktualisiert am

Der Eiffelturm, 1918. Entgegen den Berichten in diesem Artikel sind die Eisenbalken auf dem Foto nicht gebogen. Bild: Picture-Alliance

Die Franzosen? Erzählen nichts als Lügen, meint der Kriegsberichterstatter. Ihre Berichte? Übertrieben. Den Grund dafür? Kennt er.

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          (Privattelegramm der „Frankfurter Zeitung“.)

          Schlachtfront, 6. April

          Schon die Helden Homers pflegten den, der sie besiegt hatte, gewaltig zu beschimpfen. Die Franzosen, nach eigenem Bekenntnis die wahren Söhne und Träger klassischer Kultur, machen es nicht anders. Zu Beginn der großen Schlacht, deren Bedeutung ihnen noch verborgen blieb, waren sie sehr verlegen und beinahe sprachlos. Inzwischen aber haben sie ihre Sprache gründlich wiedergefunden. Sie sind empört, sie schimpfen und verleumden, sie lügen so dick, daß sich die Eisenbalken des Eifelturms biegen. Dieses Anschwellen der amtlichen und halbamtlichen Funksprüche aus Paris und Lyon ist ein sicheres Zeichen dafür, daß die Seitenhiebe, mit denen die Franzosen einstweilen bedacht wurden, äußerst schmerzlich empfunden werden.

          Wir müßten Verdacht schöpfen, wenn dieses Wutgeschrei ausgeblieben wäre. Wir hätten Grund zu doppelter Vorsicht, wenn der französische Heeresbericht auf die Erfindung von schweren, aber siegreichen Kämpfen verzichtete und sich mit nüchternen Worten in die nüchternen Tatsachen der Kriegslage fügte, und darum wäre es geradezu unheimlich, wenn der französische Pressedienst nicht versucht hätte, den zweifelnden Franzosen und dem ungläubigen Auslande einzureden, daß der deutsche Angriff eine Tat der letzten Verzweiflung und und der deutsche Sieg eine blutige deutsche Niederlage sei.

          So weit sind die Herren bereits am 1. April gewesen. Sie funken: „Am ersten Angriffstage ist der deutsche Ansturm an der Mauer unserer ersten Reserven zerschellt. Der Sieg gehört uns.“ Das ist immerhin eine tüchtige Leistung und durchaus des ersten April wert. Weiter: der Kronprinz habe „für den Gewinn von drei oder vier Dörfern Millionenopfer gebracht“. Die Welt hat sich im Kriege so sehr an die Millionenphantasien gewöhnt, daß diese ungeheuerliche Lüge keinen rechten Eindruck machen wird. Auch das Wutgeheul über den Zufallstreffer in eine Pariser Kirche dringt nicht mehr durch, angesichts der Tatsache, daß die Franzosen in Laon die Martinskirche, die Kathedrale und einen Leichenzug getroffen haben, wobei es elf tote und vier schwerverwundete Einwohner gab; ferner daß die Engländer die Kathedralen von St. Quentin und Ostende zertrümmert haben.

          Die Heuchelei der Entrüstung sollte besser beglaubigt sein, um den Kulturkreis zu erregen. Wenn Präsident Wilson diesen Chor dadurch verstärkt, daß er in seiner neuesten Auslassung Deutschland Ehre und Gewissen abspricht, so versteht man das nicht: die amerikanischen Legionen sind ja noch gar nicht ordentlich mit deutschen Hieben gestraft worden. Der Präsident sollte das Pulver seiner Schmähungen nicht vor der Zeit verschießen.

          Es ist nicht deutsche Art, mit Maulhelden ernste Kämpfe auszufechten. Vielleicht ist das falsch. Aus Lügen und Verleumdungen massenhaft in die Welt gesät, erwächst die Legende, sie wurzelt in den Gemütern, sie nährt Vorurteile und Instinkte, sie ist schwer zu widerlegen, schwerer noch auszurotten. Das wissen die geschäftigen Lügenmeister im Lager unserer Feinde nur zu gut, und darum erschaffen sie sich Siege, Heldentaten und sämtliche Tugenden täglich aus dem Nichts. Immerhin, sie sollten besser lügen, wenn sie auf diesem Schlachtfeld siegen wollen.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 11. April 2018.

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