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Frankfurter Zeitung 07.02.1919 : Ein Auftakt ohne beschwingten Geist

  • Aktualisiert am

Blick auf die Abgeordneten und die Pressevertreter im Nationaltheater Weimar. Bild: Picture-Alliance

Zum ersten Mal tritt die deutsche Nationalversammlung in Weimar zusammen. Eine positive Aufbruchstimmung scheint nicht recht aufkommen zu wollen. Zu schwer wiegen die Kriegsfolgen.

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          Weimar, 7. Febr. (Priv.-Tel.) Und nun, nachdem der große Tag, an dem die deutsche gesetzgebende Nationalversammlung zusammentrat, gekommen war, ist er hier in Weimar nicht nur äußerlich ruhig verlaufen, wie es nicht anders zu erwarten war, sondern auch ohne das Maß innerlicher Erschütterung geblieben, das einem solchen Tag wohl zukäme. Die Eröffnungssitzung war würdig, wenn man von den gelegentlichen Zwischenrufen absieht, die von der Rechten kamen und sehr überflüssig waren. Aber schwerlich haben viele unter denen, die er Eröffnung beiwohnen, eine starke geistige Lebendigkeit verspürt, jenes geheimnisvolle Etwas, das da ist, bevor noch jemand den Mund aufgetan hat, und das dann bei Worten des Redners mächtig durch die Versammlung schwillt. Soll man wiederum sagen: wie es nicht anders zu erwarten war?

          Das deutsche Volk, das beinahe fünf Jahre Unendliches erduldet hat und noch keineswegs am Ende seiner Leiden steht, sondern noch viel Schweres vor sich sieht, wird auch in einem noch sich gedulden und Geduld heischen müssen: bis zur Wiederkehr eines geistigen Aufschwungs, einer geistigen Atmosphäre, die die Menschen leicht macht und allem Wichtigen die große Linie gibt. Bei der Böswilligkeit, mit der noch immer zu rechnen ist, muß betont werden, daß es sich hier nicht etwa darum handelt, als sei die Verurteilung des alten Regimes, der Wille zur Friedlichkeit und zum Recht nicht stark genug. Dieser Wille steht weiter über allem Zweifel und Ebert hat in seiner Eröffnungsrede nur eine Tatsache ausgesprochen, als er dies betonte.

          Aber ein anderes ist es, daß sich der Ehrlichkeit des Wollens dieser Versammlung nicht auch der Schwung gesellte. Manches läßt sich anführen aus der unmittelbaren Gegenwart, das erklären hilft. Wenn irgend ein großes Volk das Recht hat, müde zu sein, so ist es das deutsche vielleicht neben dem russischen. Noch vor wenigen Jahren stand es auf einer äußeren Höhe, die keinen Vergleich zu scheuen hatte. Heute ist es in einer Machtlosigkeit und Armut, die niemand für möglich gehalten hätte. Allzu genährt vor dem Kriege, was in zahlreichen Gestalten zu ersehen war, die heute, wenn sich doch noch irgendwo mal eine findet, wie eine Sehenswürdigkeit bestaunt wird, spricht nun der Hunger oder doch die Entbehrung aus den Gesichtern. Unerhört sind die Schwierigkeiten, die sich dem Aufbau überall entgegenstellen; sie sind so groß, daß man es begreifen muß, wenn so manchen ein Verzagen befallen will. Haben wir nicht ein Recht, müde zu sein?

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          Wir haben das Recht, aber wir dürfen keinen Gebrauch davon machen. Und darum dürfen wir uns auch über eins nicht täuschen. Wenn es an dem rechten aufschwingenden Geiste fehlt, so liegt das doch nicht nur an den äußeren Umständen und an den mageren Jahren, sondern der Geist war schon lange nicht der, den man haben soll, und den wir wiedergewinnen müssen. Es ist kein Zufall, daß die konstituierende Nationalversammlung, die im Jahre 1848 nach der Revolution zusammentrat, das Ueberströmende hatte, das man 70 Jahre später vermißt. Jener innerliche Zustand trat damals sogar in Aeußerlichkeiten hervor, in zahlreichen Fällen ungekürzten Haarwuchses, in kühnen Schlipsen, worauf es gewiß nicht ankommt; aber es lag ein gewisser Stil darin, der etwas besagte.

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