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Frankfurter Zeitung 12.03.1919 : Vom Leid der deutschen Kriegsgefangenen

  • Aktualisiert am

Deutsche Kriegsgefangene bei ihrer Rückkehr aus Sibirien. Bild: Picture-Alliance

Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs sind deutsche Kriegsgefangene in den Händen der Alliierten. Ein Bericht über die Zustände, in denen sie leben müssen.

          Frankfurt, 12. März. Grauenvoll sind die Nachrichten über das Elend der deutschen Kriegsgefangenen. Wie im heutigen Morgenblatt mitgeteilt wurde, sind den deutschen Behörden erschütternde Nachrichten über die Lage der in belgischer Gewalt befindlichen deutschen Kriegsgefangenen zugegangen, und ein aus Paris zurückgekehrter Holländer, der durch das ehemalige Kampfgebiet Nordfrankreichs kam, berichtet Aehnliches. Die Aufseher sind mit Peitschen bewaffnet und gebrauchen sie auch. Der Holländer hat es selbst beobachtet; auch amerikanische Pressevertreter, die mit ihm reisten, gerieten bei dem Anblick in die größte Empörung. Noch schlimmer sind die Nachrichten aus Belgien, was aber vielleicht nur daran liegt, daß der Holländer in Nordfrankreich nicht alles gesehen hat. In Belgien werden die beklagenswerten Kriegsgefangenen nicht nur mißhandelt, sondern werden auch in allem in der schändlichsten Weise gehalten. In Dirmuiden und Nieuport hausen sie in Löchern zwischen Schutt und Wasser, die Verpflegung ist knapp und bleibt oft tagelang aus, viele haben keine Schuhe, Mäntel oder Decken, ähnlich an anderen Orten, und die belgischen Wachmannschaften sagen ganz offen, höchstens die Hälfte der Kriegsgefangenen dürfe die Heimat wiedersehen. Es schreit zum Himmel.

          Richtig, es gibt ja auch noch einen Himmel. Den scheinen die Völker, mit denen wir im Kampfe lagen, ganz vergessen zu haben, obgleich unzählige Leute unter ihnen nicht aufgehört haben, von ihm zu reden, und auch die übrigen, alle mit einander, andauernd die erhabensten Prinzipien verkündeten, die ihre Geltung haben; mag man nun den Himmel heranziehen oder nicht. Schon in der Kriegszeit bei der Blockade durfte man fragen, wie denn die Engländer dieses Mittel vor ihrem Himmel verantworten könnten? Die Engländer sind doch, im ganzen genommen, ein religiöses, ein christliches Volk. Ob es bei ihnen ein tiefer Glauben sei, ist eine andere Frage, aber jedenfalls legen sie selber den größten Wert darauf, als ein religiöses Volk zu gelten, das die Grundsätze des Christentums vertrete. Nun ist der Krieg freilich eine harte Sache, und wenn er einmal da ist, kann man nicht immer der Liebe huldigen.

          Aber ein ganzes Volk, Frauen, Kinder, Greise aushungern, viele Tausende, die mit dem Kriege gar nichts zu tun haben, dem Tode überliefern, das ist nicht nur widerrechtlich, sondern auch eine Grausamkeit, die sicherlich das Gegenteil alles Christentums ist. Und doch, sie sind in die Kirche gegangen, sie haben Gebete zum Himmel geschickt, sie haben es fortgesetzt, sich so zu geben, als seien sie Christen. Als dann der Waffenstillstand kam, haben sie die Blockade nicht etwa aufgehoben, sondern noch verschärft. Und gingen weiter in die Kirche. Auch ganz offiziell, in feierlichen Momenten. Denn, nachdem Lloyd George im Parlament die Bedingungen des Waffenstillstands verlesen hatte, sagte er: nun wollen wir Gott danken. Und das ganze Parlament ging in die Westminster-Abtei und dankte. Was mag sich wohl der liebe Gott dabei gedacht haben?

          Kriegsgefangene Märtyrer?

          Schmerzlich ist das eine Religiosität, wie er sie meint, da es ihm nach Zeugnissen mancherlei Art nicht um Lippendienst zu tun ist. Kürzlich ist auch gemeldet worden, daß Churchill erklärt habe, die in englischen Händen befindlichen deutschen Kriegsgefangenen würden nach Nordfrankreich geschafft, um dort am Aufbau mitzuarbeiten.

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          Wenn wir nicht irren, sind die deutschen Soldaten, die von Engländern gefangen wurden, Kriegsgefangene der Engländer und keine Sklaven. Einen Sklaven konnte man jemandem zur Ausbeutung völlig überliefern; die Engländer haben einst gegen diese Barbarei gekämpft. Unter der Voraussetzung, daß Churchill jene Aeußerung wirklich getan habe, wären also die Engländer heute bereit, Tausende von Deutschen als Sklaven zu behandeln. Die Behandlung in England selber soll in der jüngsten Zeit schlecht geworden sein; will man vielleicht die Armen für ihr künftiges Schicksal abhärten?

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