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Frankfurter Zeitung 14.08.1918 : Post-Zaristische Depression in Moskau

  • Aktualisiert am

Das Denkmal für den letzten russischen Zaren Nikolaus II. im Zentrum der serbischen Hauptstadt Belgrad, aufgenommen 2014. Bild: Picture-Alliance

Das Denkmal des Zaren wird abgerissen und die Droschtenkutscher stehen, laut eigener Aussage, kurz vor dem Selbstmord. In Moskau herrscht eine seltsame, triste Stimmung.

          5 Min.

          P Moskau, 1. August.

          Rußland hat wirklich seinen Zaren verloren. Vielleicht war es dem Volk bisher nicht so stark zu Bewußtsein gekommen, besonders in Moskau, wo Tausende von alten Erinnerungen und Gebräuchen so zuhause sind wie die Silhouette des Kremls, wie das Funkeln der goldenen Kreuze und Lanzenspitzen auf den blauen Kirchenkuppeln. Aber einmal kam doch die Nachricht, daß Nikolai Romanow in Jekaterinburg erschossen worden sei. Ohne ein Wort des Bedauerns, ohne ein versöhnendes Wort der menschlichen Milde begrüßten die Zeitungen Moskaus, die drei einzigen, die in diesen Tagen erscheinen, den jähen Tod des Mannes, der einst auf dem Kreml feierlich gekrönt, in der Erlöserkirche vom höchsten geistlichen Würdenträger Rußlands begrüßt worden war.

          Im Juli 1918 gehörten Erschießungen zur Tagesordnung in Moskau. Nacht für Nacht, zuweilen auch am Tage, hörte man von irgendwoher aus der Ferne das Krachen von Gewehrsalven. Das Volk geht still, scheinbar gleichmütig seiner Wege, es hängt auf Trittbrettern der mit sitzenden und stehenden Leuten überfüllten, mit wuchtigen Stößen dahinjagenden Elektrischen. Und die Zeitungsjungen an den Straßenecken rufen mit heller, geschäftsmäßiger Stimme dem Werktagsvolk, den schmutzigen und proletarischen Menschen des gegenwärtigen Moskauer Straßenlebens, den Tod des ehemaligen Zaren in die Ohren.

          Um nicht von der jetzigen Regierung verhindert oder gestört zu werden, haben am folgenden Sonntag in vielen Kirchen Moskaus kurze Totenfeiern für den einstigen Monarchen ohne vorherige Ankündigung stattgefunden. Die Geistlichen im goldenen Ornat traten in die Mitte des Saales und verlasen die Gebete, den tiefen, eigentümlichen, wehklagenden Baßtönen der Priester antwortete der Chor mit den Worten „ewiges Gedenken“. In den Händen der Leute brannten Wachslichter. Einzelne Frauen weinten. Die Gesichter waren ernst – und gleichgültig undurchdringlich. Das Volk hat es verlernt, seine Gefühle zu verraten. Vielleicht hat es überhaupt keine Gefühle mehr. Es ist nur unbeschreiblich müde. Es will nur Ruhe, nichts als Ruhe. Es wartet auf die Tschecho-Slowaken, auf die Deutschen. Und da beide nicht kommen, auf den Tod. Die Kirchen sind stärker besucht als früher.

          Zu derselben Stunden, wo unter den schweren, goldstrahlenden Kuppeln, in den grauen, braunen, von Weihrauchdampf erfüllten Marmorwänden der Erlöserkirche vom Erzpriester Gerasim die Panichide für den „getöteten Imperator Nikolai Alexandrowitsch“ gefeiert wurde, begannen an dem Denkmal Alexanders III., das in breiter, bronzener Schwere neben diesem weißen Kirchenpalaste steht, die Vorbereitungen, um dieses Denkmal abzubrechen. Das Denkmal des sitzenden Imperators, in vollem Ornat auf einem Thronsessel, mit dem Szepter und dem Reichsapfel in den Händen und den Falten des kaiserlichen Mantels über den Knien, auf dem Haupt die gespaltene, einer hohen Balkonmütze ähnliche Krone steht auf einem Sockel von glänzendem roten Marmor.

          Breite marmorne Rundstufen führten zu ihm empor. An den Balustraden dieser Stufen stehen Kandelaber wie vor einem Heiligenbild. An den Ecken des Denkmals spreizen gekrönte Adler ihre Fänge.

          Man begann mit dem Anlegen einer gewöhnlichen roten Feuerwehrleiter. Die bronzenen Wappen an den Seiten des Denkmals waren schon abgeschraubt. Einige, so das Wappen der baltischen Provinzen, waren aber bis zuletzt geblieben. Offenbar war es den Handwerkern nicht gelungen, die Schrauben zu lösen. Den Adlerhäuptern waren die Kronen schon abgenommen worden, nur die Kronenbänder flattern noch.

          Inzwischen ging die Arbeit weiter. In den hübschen Anlagen vor der Kirche spaziert das Volk; alte Leute, Soldaten, sommerlich gekleidete Mädchen, Kinder sitzen auf den Bänken. Noch werden die Anlagen von ihrem braven Wächter gehütet, der seine alten Uniform nicht abgelegt hat. Zwei blinde Bettler gehen durch die Menge mit tastenden Schritten und lautem Wechselgesang. Um das Denkmal stehen mehrere Gruppen heftig diskutierender Menschen. Was diskutieren sie?

          Sie sprechen über das Denkmal des „Tyrannen“, sie sprechen über Arbeitslöhne und das neue Arbeitssystem. Die Agitatoren der Räteregierung beschäftigen das Volk. Um das Denkmal ist ein rohes Balkengerüst beschlagen. Um den Hals des mächtigen gekrönten Mannes, um den Reichsapfel in seiner linken Hand, um das dünne Szepter in seiner Rechten hat man Taue gewunden. Es wirkt wie die Vorbereitung zu einer Hinrichtung im elektrischen Stuhl. Alte Leute stehen wortlos bei dem Denkmal. Ihre Mienen verraten nichts. Sie stehen da mit dem äußeren Gleichmut von Spaziergängern. In ihr Herz sieht niemand. Niemand weiß, ob ihr russisches Herz monarchisch oder kommunistisch ist… und wie es die jetzigen wunderlichen Fügungen des Schicksals hinnimmt.

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