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Frankfurter Zeitung 11.03.1919 : Hungersnot in Deutschlands Städten

  • Aktualisiert am

Essensausgabe an unterernährte Kinder in Berlin, Foto um 1920. Bild: Picture-Alliance

Liefern die Alliierten nicht baldmöglichst Lebensmittel an Deutschland, droht der Versorgungskollaps. In der Nationalversammlung wird darüber diskutiert, wer an der Misere schuld ist.

          3 Min.

          wr Weimar, 10. März. (Priv.-Tel.) „Ich stehe ein Menschenalter in der Arbeiterbewegung und habe den Zeitpunkt herbeigesehnt, wo ich mich schöpferisch betätigen konnte. Aber ich sehe heute zu meinem Leidewesen, daß gerade die einen unheilvollen Einfluß ausüben, die von der ruhigen, zielbewußten Arbeit der Gewerkschaften abseits gestanden haben, daß Leute die Führung an sich reißen, die nicht aufbauen, sondern zertrümmern.“ – Diese Worte finden sich in der Antwort, die heute der Leiter des Reichsernährungsamts, Minister Robert Schmidt, auf die Interpellation der Mehrheitsparteien erteilte, in der die Sorge um die Ernährung unseres Volkes zum Ausdruckt kommt.

          Wie ein Aufschrei klingt es, wenn man so einen alten Gewerkschafter am Ende seiner Lebensarbeit über die Massen sprechen hört, die jetzt in wilden Streiks unser ganzes Wirtschaftsleben erschüttern. Es ist ein erfreulicher Fortschritt gegenüber der Kriegszeit, wo der militärische Druck und die Zensur dem Volke die Wahrheit vorenthielten, daß heute von der Ministerbank nicht mehr Versteckspiel getrieben wird. Unsere Ernährungslage ist bitter ernst, und der Reichsminister bekannte mit aller Offenheit, daß er nicht mehr wüßte, woher er die nötigen Lebensmittel nehmen solle, um namentlich die großen Städte zu versorgen. Die Blockade der Feinde hat Tausende und Abertausende von Deutschen in den Tod getrieben und noch ist keine Aussicht vorhanden, daß das im Waffenstillstand eingegangene Versprechen auch wirklich gehalten wird und wir Lebensmittel bekommen. Wir sind noch von aller Welt abgesperrt.

          Auch die Zufuhr aus Holland und Skandinavien, die wir während des Krieges noch hatten, ist uns jetzt verschlossen. Zu der Unmenschlichkeit des Feindes, der auf diese Weise neue Massen in den Tod treibt, kommt das Verbrechen in der Heimat. Nach jedem Streik kommen nach dem Zeugnis des sozialdemokratischen Ministers die Arbeiter zu ihm und fordern eine stärkere Belieferung mit Lebensmitteln, nachdem sie ihm vorher die Zahlungsmittel an das Ausland, Kohle, Kali und Eisen aus der Hand geschlagen haben. Der Eisenbahnverkehr ist lahmgelegt, die Zufuhren aus dem Lande stocken, die Landwirte denken nicht an die Allgemeinheit, sondern nur an ihren begrenzten Bezirk.

          Nur Lebensmittellieferungen können helfen

          Wenn es noch Vernunft gibt in deutschen Landen, dann darf der Appell des Herrn Schmidt nicht ungehört verhallen. „Ich sage es noch vor aller Oeffentlichkeit, daß ich die Verantwortung für die Ernährung der Städte nicht mehr übernehmen kann, wenn auf der anderen Seite nicht endlich Vernunft und Einsicht zurückkehren. Wir werden für die Großstädte bald nicht mehr genug Milch heranschaffen können. Was für ein politischer Kampf ist das um Freiheit und Recht, wenn die unschuldigen Kinder in erster Reihe davon betroffen werden? Wollen sich denn unsere Arbeiter nicht endlich aufraffen und sich von dieser Gewaltherrschaft befreien? Jeder weitere Streik bedeutet die Vernichtung des Restes unserer Volkswirtschaft.“

          Man kann es begreifen, wie schwer es dem Vertreter unserer Ernährungswirtschaft sein muß, für die breite Masse des Volkes zu sorgen, wenn die Transporte gestohlen und geplündert, wenn 4500 Zentner Zucker bei einem Transporte gestohlen werden. Es war eine harte Sprache, die der Minister führen mußte, und auch die Aussichten, die er für die Zukunft eröffnete, sind sehr trübe. Die Zwangswirtschaft für Brotgetreide, Kartoffeln, Fleisch, Butter und Milch wird aufrechterhalten werden müssen, ohne daß die Gewähr besteht, daß die wieder zu vermindernde Fleischration überhaupt geliefert werden kann. Dagegen soll der freie Handel für Obst, Gemüse und landwirtschaftliche Nebenprodukte, Heu und Stroh, wieder zugelassen werden; die Kriegsorganisationen sollen hier verschwinden.

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          Auch bei Hülsenfrüchten, Zucker und Eiern soll die Zwangswirtschaft wesentlich abgebaut werden unter der Voraussetzung, daß Handel und Landwirtschaft in der Preisbildung Maß halten. Das entsprach den Forderungen des demokratischen Interpellanten Dr. Petersen, der auf Grund seiner Erfahrungen als Senator der Freien Stadt Hamburg das heutige starre Zwangssystem auf allen Gebieten für nicht mehr durchführbar hält. Ihm schloß sich auch der Zentrumsabgeordnete Blum an. Sehr viel Heiterkeit erregte trotz des Ernstes, der während der ganzen Beratung über dem Haus lag, der bayerische Bauernbündler Eisenberger in Lodenjoppe und Wadenstrümpfen, der gegen den Großgrundbesitz mit bayrischer Urwüchsigkeit vom Leder zog.

          Der Großgrundbesitz muß aufgeteilt werden, das war die Grundforderung, mit der er auf der gesamten Linken viel Beifall erntete. Herr Wurm von den Unabhängigen ist anderer Auffassung; er will den Großgrundbesitz erhalten und nicht zerschlagen, er soll nur sozialisiert werden. Für die großen Streiks suchte er die Regierung verantwortlich zu machen, weil sie mit den Sozialisierungsmaßnahmen zu spät begonnen hätte. Der Reichsminister Dr. David bestritt das und wälzte alle Schuld für das Blutbad und die Greuel in Berlin auf Herrn Wurm und seine Freunde. Im Lauf der Debatte wurden von zahlreichen landwirtschaftlichen Sachverständigen aller Fraktionen noch eine ganze Reihe praktischer Vorschläge gemacht, die sich auf die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion bezogen; aber alle Redner stimmten darin überein, daß uns nur sofortige Lebensmittellieferungen der Alliierten helfen könnten. Sonst stürzt Deutschland zusammen und zieht ganz Europa in den Strudel des Bolschewismus mit.

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