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Frankfurter Zeitung 21.06.1918 : Als Zeppelin-Kommandant in englischer Gefangenschaft

  • Aktualisiert am

Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg: Britische Soldaten führen deutsche Inhaftierte ab. Bild: Picture-Alliance

Erniedrigt, verhöhnt und bestohlen: Kapitän Breithaupt gerät nach dem Absturz seines Luftschiffes in ein englisches Gefängnis. Die Bedingungen dort entsetzen ihn.

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          N Berlin, 20. Juni. (Priv.-Tel.) Einen neuen Beitrag zu der unwürdigen Behandlung gefangener deutscher Offiziere und Soldaten in England liefern die Aussagen des früheren Kommandanten des Luftschiffes „L 15“, das nach einem Angriff auf die Englische Küste in der Nacht vom 31. März zum 1. April 1916 durch Granaten beschädigt vor der Themsenmündung aufs Wasser niedergehen mußte. Der Kommandant, Kapitänleutnant Breithaupt teilt mit:

          „Nach unserer Rettung wurde die gesamte Besatzung des L 15 auf den Zerstörer „Vulture“ gebracht. Ich befand mich infolge der Anstrengungen, vor allem deshalb, weil ich viel Wasser geschluckt und Gas eingeatmet hatte, in einem Zustand äußerster körperlicher Ermattung. Auch litt ich unter fürchterlichen Kopfschmerzen und Schwindelanfällen, die wohl von den harten Stößen beim Aufschlagen der Gondel auf das Wasser herrührten. Ich mußte mich auf dem Luftschiff und dem Zerstörer dauernd übergeben und befand mich in einem Zustand unklaren Bewußtseins. In dieser Verfassung brachte man uns Offiziere und Deckoffiziere in einen sehr schmutzigen Spillraum der „Vulture“, der gleichzeitig die Mannschaftskombüse enthielt. Beim Morgengrauen erschienen die einzelnen Leute der Besatzung in diesem Raum, und trotzdem ein Posten vor dem Niedergang stand, wurden wir Beschimpfungen widerlichster Art ausgesetzt. Ich entsinne mich, da sich mein Zustand allmählich gebessert hatte, dieses Vorganges sehr deutlich. Kein englischer Offizier hat sich um uns gekümmert oder es für nötig gehalten, gegen die unwürdige Behandlung deutscher Offiziere einzugreifen.

          Die mir vom Oberleutnant Thann gemeldeten Aeußerungen des Kommandanten der „Vulture“ habe ich in meinem Bericht vom 10. Erwähnt.

          Nach unserer Einlieferung in das Gefängnis zu Chatham erschien in meiner sehr schmutzigen kalten Zelle, die nur Holzbritsche und Schemel enthielt, ein englischer Unteroffizier und forderte auf Befehl des Kommandanten meine sämtlichen Kleider. Auf mein Ersuchen, mir wenigstens eine Decke zu bringen, sagte der Unteroffizier: Dazu muß ich erst die Erlaubnis des Kommandanten einholen. Darauf bat ich den Kommandanten persönlich sprechen zu können. Dieser ist aber nicht erschienen. Nachdem ich längere Zeit absolut nackend, stark zitternd in meiner Zelle auf und ab gegangen war, schellte ich und bat in sehr deutlicher Form nochmals um eine Decke für mich und meine Leute.

          Es wurde mir dann eine dünne schmutzige Decke gebracht. Bei dieser Gelegenheit habe ich dem englischen Unteroffizier, der sich beim Offizier sehen ließ, in nicht mißzuverstehender Weise sehr scharf meine Meinung gesagt über die unwürdige Art der Gefangenenbehandlung. Ich hatte den Eindruck, daß der Sergeant mir sehr gerne geholfen hätte, daß er aber durch dienstliche Anweisung daran gehindert worden war. Als ich am Nachmittag gegen 4 Uhr meine Kleiderstücke wieder erhielt, fehlten zirka sechs Jakettknöpfe, das E.K. 1., sowie die Manschetten- und Kragenknöpfe. Beim Verhör gab ich den Dolmetscher meine Entrüstung zu verstehen und verlangte sofortige Rückerstattung der gestohlenen Sachen. Dieser Vorfall war dem englischen Offizier sichtlich peinlich. Ich sah, wie er sofort Nachforschungen anstellen ließ.

          Am nächsten Tag bekam ich die mir fehlenden Gegenstände bis auf einige Knöpfe zurück. Als ich am zweiten Tag in einem Einzelzimmer untergebracht war, erschienen häufig junge englische Offiziere bei mir, teils aus Neugier, teils um in taktloser Weise ihrer Meinung über Luftangriffe und die Art der deutschen Kriegführung Ausdruck zu geben. Als ich die Absicht dieser Herren erkannt hatte, drehte ich ihnen den Rücken zu und bat sie, das Zimmer zu verlassen. Erst dem Einschreiten des zu meiner Bewachung bestellten Leutnants verdankte ich es, daß die taktlosen Beschimpfungen der unerzogenen Herren aufhörten. Ich habe dieser Szene Erwähnung getan nicht aus persönlichen Gründen, sondern nur um die Sinnesart einzelner englischer Offiziere ins recht Licht zu rücken.“

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 25. Juni 2018

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