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Frankfurter Zeitung 09.03.1919 : „Wilde Jagden“: Auf Russlands Straßen herrscht Willkür

  • -Aktualisiert am

Unentgeltlicher Arbeitseinsatz an freien Tagen: Verladen von Holz in Petrograd, August 1919. Bild: Picture-Alliance

Seit dem Sturz des Zaren herrscht in Russland das Proletariat. Ein Augenzeuge schildert Verschleppungen, Rechtsbrüche und Willkür unter den Augen der Sowjets.

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          Man hat in Deutschland kaum eine richtige Vorstellung davon, wie es eigentlich jetzt in Rußland aussieht, wie sich das politische, wirtschaftliche und private Leben dort abspielt. Darum dürfen Schilderungen des dortigen Lebens auf Beachtung Anspruch machen, besonders in diesen Tagen, wo Deutschland in einer politischen und sozialen Umwälzung lebt, deren Entwicklung wesentlich davon abhängen wird, welchen Einfluß die russischen Zustände auf Deutschland gewinnen. Die Stellung, in das politische Leben Einblick zu gewinnen, ohne an ihm teilzunehmen. Darum können meine Erlebnisse vielleicht eine zutreffende Vorstellung über die Zustände in Petersburg, der Hochburg des Bolschewismus, geben. Ich habe in St. Petersburg im Großen Kriegskommissariat gedient und bald eine verantwortliche Stellung eingenommen. Ich wurde Kommissar für außerordentliche Aufträge des Großen Petersburger Kriegskommissariats und als solcher habe ich vieles erlebt und gesehen.

          Um die armen Klassen zu befriedigen, haben die Bolschewiki eine Zwangseinquartierung in die wohlhabenden Häuser eingeführt. Es wurden Wohnungen beschlagnahmt, mit all dem Hab und Gut, das den wirklichen Besitzern gehörte, wobei oftmals die Eigentümer in vierundzwanzig Stunden ihre Wohnungen räumen mußten und somit im vollsten Sinne des Wortes auf die Straße gesetzt wurden. Und wenn in Wirklichkeit nur dem Reichen die Wohnungen genommen würden! Aber zu der Klasse der „Bourgeoise“ rechnen die Bolschewiki die Intelligenz überhaupt. So kam es, daß auch Lehrer, Aerzte, Rechtsanwälte mit ihren Familien ihre Wohnungen verlassen mußten. Welch ein Elend und Unglück, das für solche Familien bedeutet, wird einem klar, wenn man bedenkt, daß die Vertriebenen z. B. nur einen bestimmten sehr geringen Teil ihrer Wäsche mitnehmen durften. Dabei muß berücksichtigt werden, daß neue Wäsche oder Kleider jetzt in Rußland beinahe unmöglich zu beschaffen sind. Es wird systematisch daran gearbeitet, die Intelligenz in Rußland zugrunde zu richten!

          Zu meinen persönlichen Funktionen gehörte es, die Klagen über willkürliche Einquartierung durch einzelne Kriegs-Kommissare zu untersuchen. Ich habe dabei Kenntnis von gräßlichen Begebenheiten bekommen, die mir zeigten, wie einzelne Persönlichkeiten eine Zeit der Diktatur, eine Zeit der Gewaltherrschaft und Erpressung im eigenen Interesse ausnützten. Von den vielen Fällen, mit denen ich zu tun hatte, werde ich einen schildern, der mir besonders charakteristisch scheint für einen Staat, in dem volle Gesetzlosigkeit herrscht:

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