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Frankfurter Zeitung 02.06.1918 : „Diese Unglücklichen“: Das Elend der Flüchtlinge

  • Aktualisiert am

Flüchtlinge im Norden Frankreichs auf einem Karren. Undatiertes Foto während des ersten Weltkriegs. Bild: Picture-Alliance

Links und rechts der Aisne toben Gefechte. Französische Zivilisten versuchen aus den umkämpften Gebieten zu entkommen. Zurücklassen müssen sie dabei fast alles.

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          t Haag, 1. Juni. (Priv.-Tel.) Der Reutersche Korrespondent beim französischen Heere meldet vom 31. Mai morgens: „Es sind noch keine Anzeichen dafür vorhanden, daß der deutsche Druck abnimmt. Dem Feind ist es trotz tapfersten Widerstandes gelungen, seine Front an beiden Seiten der Aisne vorzuschieben. Im Zentrum machen seine vorgeschobenen Abteilungen noch Fortschritte. Gestern nachmittag sah man die Granaten der deutschen Feldgeschütze auf den Höhen explodieren. Im Norden stehen deutsche Beobachtungsballons in der Luft. Im Nordosten kennzeichnet eine dicke Rauchwolke die Richtung von Ville-en-Tardenois. Von der ganzen Front drängen deutschen Infanterieabteilungen anhaltend durch die Wälder und längs der Taler vor, überall im Fortschritt, wo sie einen schwachen Punkt in der französischen Linie entdecken können. – Die Wege sind angefüllt mit Flüchtlingen, die langsam ihre Straße ziehen, vorbei an Marschkolonne und Automobilen, die Munition nach der Front bringen oder leer zurückkehren.

          Meistens sind es ganze Familien, die ihre Sachen auf einen Karren gebracht haben, der von einem Pferd gezogen wird. Auf den Habseligkeiten sitzen alte Männer oder Kinder, andere laufen traurig hinterher. Manchmal trägt auch ein Packesel das, was noch vom Besitze übrig ist. Viele dieser armen Leute, waren nicht imstande, mehr mitzunehmen als das, was sie tragen konnten.

          Endlose Reihen von Frauen führen ihre Kinder an der Hand, während die Männer die wertvollsten Sachen schleppen. Während des ganzen Tages ziehen sie voran und ersticken beinahe in dem Staub, den die Lastautomobile, die britische Infanterie, die französische Artillerie und Kavallerie und die Transporte aufwirbeln. Diese Unglücklichen lassen nicht allein ihre Wohnungen, sondern auch die Früchte monatelanger Arbeit auf den Feldern in den Händen der Deutschen. 

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 4. Juni 2018.

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