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Frankfurter Zeitung 07.01.1919 : Der Kampf um die Macht in Berlin

  • Aktualisiert am

Zerschossene Säule des Nationaldenkmals während des Spartakusaufstands, Berlin Mitte 1919. Bild: Picture-Alliance

In Berlin gehen Arbeiter und Soldaten gegen die KPD auf die Straße. Der Januar-Aufstand geht weiter.

          N Berlin, 6. Jan. (Priv.-Tel.) Entsprechend der Aufforderung der Sozialdemokratischen Partei erschienen die Arbeiter und Arbeiterinnen der Betriebe und Büros, zahlreiche Soldaten zu vielen Tausenden mit Fahnen und Schildern zur Demonstration vor dem Reichskanzlerpalais, schließlich den ganzen Wilhelmsplatz füllend. Um 11 Uhr erschien,  an einem Fenster der Reichskanzlei stehend, Scheidemann und hielt an die tausendköpfige Menschenmasse eine Ansprache, von stürmischem Jubel begrüßt und von fortgesetztem Beifall unterbrochen:

          Wir danken Ihnen, so etwa führte er aus, daß Sie hier erschienen sind. So wie die Dinge jetzt gehen, können sie nicht weitergehen. Mit dieser Schweinerei muß Schluß gemacht werden. (Lebhafte Zustimmung.) Denn wenn es so weitergeht, müssen wir schließlich verhungern. Es darf nicht sein, daß eine kleine Minderheit das Volk beherrscht, heute so wenig wie früher unser Herrn v. Heydebrand. Das ganze Volk soll entscheiden und die Minderheit hat sich der Mehrheit zu beugen. Deshalb verlangen wir die Nationalversammlung. Sie haben sich hier wie eine lebendige Mauer um uns gestellt, aber harren Sie noch eine Weile aus, wir sind mit wichtigen Entscheidungen beschäftigt, die wir Ihnen sofort bekannt geben werden. (Zuruf: Wir wollen Waffen!) Wir appellieren an das ganze Volk, namentlich an das bewaffnete Volk, die Soldaten, daß sie sich der Regierung zur Verfügung halten. (Lebhafte Zustimmung.) Einstweilen können wir nur bitten, hier auszuharren und Ihre Uebereinstimmung mit uns zu bekunden durch den Ruf: Es leben die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit!

          Dann wurden die Vertrauensleute der einzelnen Betriebe aufgefordert, sich im Portal der Reichskanzlei einzufinden, um weitere Verhaltungsmaßregeln entgegenzunehmen. Vom andern Flügel des Reichskanzlerpalais aus sprach, ebenfalls im Fenster stehend, der Ingenieur Lüdemann zu der versammelten Menge.

          N Berlin, 6. Jan, 12.05 Nachm. (Priv.-Tel.) Kurz vor ½ 12 Uhr erschien an den Fenstern der Reichskanzlei ein Mitglied des Zentralrates in Uniform und forderte sämtliche gedienten Soldaten auf, vor der Reichskanzlei in Front Aufstellung zu nehmen. Dann trat einer der Vorsitzenden des Zentralrates an das Fenster und hielt folgende Ansprache an die versammelten Massen:

          Wir sind zusammengekommen, um gegen den Terror der Spartakus-Leute, die mit Maschinengewehren auf den Straßen aufmarschiert sind, Stellung zu nehmen und

          mit dieser Bande endlich Schluß zu machen!

          Der Zentralrat hat eben der Regierung Ebert-Scheidemann alle notwendigen Vollmachten erteilt (Stürmischer Beifall.) Jetzt muß endlich Schluß gemacht werden mit diesem Terror der Straße! Im preußischen Abgeordnetenhaus, diesem Rest der Reaktion, hatte sich in diesen Tagen die Reaktion von links versammelt, die von dem gleichen Geist erfüllt ist wie die konservativen Junker. Dort sind neue verhängnisvolle Pläne gegen das deutsche Volk ausgeheckt worden: Radek, den jetzt der in ganz Deutschland an den Pranger gestellte Polizeipräsident Eichhorn Unter den Linden auf- und abfahren läßt, hat dort erklärt, er würde sich freuen, wenn die russischen Truppen zusammen mit den Deutschen erneut an den Rhein ständen, um den Krieg gegen Frankreich, England und Amerika wieder aufzunehmen (Lebhafte Pfui-Rufe.) Ledebour, der zu dem Spartakus Bund übergegangen ist, hat ähnliche Reden geführt. Diese werden bedeuten, daß der Friede immer noch weiter hinausgeschoben wird, den wir unter allen Umständen haben müssen, um unsere Volkswirtschaft wieder aufzunehmen, wenn Deutschland nicht vollkommen zertrümmert werden soll. Neues Blutvergießen soll angerichtet werden. Es ist uns schwer geworden, unser Einverständnis dazu zu erklären, daß auf Frauen und Kinder, auf Väter und Mütter geschlossen werden soll. Aber die Spartakusbande will es nicht anders und nun müssen auch wir handeln!

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