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Frankfurter Zeitung 12.02.1919 : Vom Sattlergesell zum Reichspräsidenten

  • Aktualisiert am

Präsident Eduard David verkündet am 11. Februar das Wahlergebnis vor der Nationalversammlung. Bild: Picture-Alliance

Die junge deutsche Republik hat ihren ersten Präsidenten: Friedrich Ebert wird von der Mehrheit der Nationalversammlung gewählt. Vor ihm liegen große Aufgaben.

          Fritz Ebert, den schon im Januar ein Volksauflauf vor der Reichskanzlei zum Präsidenten der Republik ausrufen wollte, ist jetzt durch die große Mehrheit der deutschen Nationalversammlung wirklich für diese erste Stelle des Reichs auserwählt worden. Das Deutsche Reich hat wieder seine Spitze. Und durch nichts konnte die Wandlung, die Deutschland vollzogen hat, klarer personifiziert werden als durch diese Wahl. Am 4. Februar 1871 ist Fritz Ebert in Heidelberg als Sohn eines Schneidermeisters geboren worden. Bis 1885 besuchte er die Volksschule, erlernte dann das Sattlerhandwerk und wanderte als Handwerksbursche durch Deutschland. Aber die neue Aera Wilhelms II., der Fall des Sozialistengesetzes und Bismarcks Entlassung, zog ihn immer stärker in die Politik. Er kam nach Bremen, wo er 1900 in die Bürgerschaft gewählt wurde und bis 1905 blieb.

          Er wurde in Bremen mit 21 Jahren, 1892, Redakteur der sozialdemokratischen „Bremer Bürgerzeitung“ und übernahm nach seinem Ausscheiden aus diesem Blatt das Bremer Arbeitssekretariat. Damit war er in die Parteibureaukratie eingereiht, in der er allmählich weiter emporstieg. Im Jahre 1905 wurde er zum Mitglied des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei ernannt und im Jahre 1913, nachdem er bei den Wahlen von 1912 auch ein Reichstagsmandat erhalten hatte, neben Haase zum Vorsitzenden der Partei an Bebels Stelle.

          Als solcher trat er während des Krieges immer stärker hervor. Schon bei der Bildung des Kabinetts Prinz Max wünschten viele seine Teilnahme an der Regierung. Das unterblieb. Aber als am 9. November 1918 Prinz Max zurücktrat, übertrug er Ebert die Reichskanzlerschaft, die dann nur in dem Rat der Volksbeauftragten, dem sechsköpfigen Reichskanzler, wieder aufging. Nun ist er zum Präsidenten gewählt – an Stelle Wilhelms II. ist jetzt der ehemalige Sattlergeselle der erste Repräsentant des durch die Revolution neu geschaffenen Deutschlands.

          Weimar, 11. Februar. (riv.-Tel.)

          Habemus papam! Wir haben den ersten Präsidenten der deutschen Republik. Der Führer der Sozialdemokratie Fritz Ebert ist der Erkorene. Von 379 abgegebenen Stimmen lauteten 277 auf seinen Namen. 49 Abgeordnete stimmten für den Grafen Posadowky. Es mögen in der Hauptsache die Deutschnationalen gewesen sein, die ihrem gräflichen Fraktionsführer den Vorzug gaben vor dem Manne aus der Arbeiterschaft. Aber es ist beachtenswert, daß sich die Deutschnationalen überhaupt an der Präsidentenwahl beteiligt haben. Damit erkennen sie durch die Tat die Berechtigung der Republik an.

          Wiedererrichtung des Kaisertums?

          Noch bei der Beratung der provisorischen Verfassung machte der deutschnationale Redner Herr v. Delbrück den Vorbehalt, daß sich seine Freunde zur Zeit in der Frage des Staatsoberhauptes noch nicht festlegen ließen. Wenn man berücksichtigt, daß Herr v. Delbrück der letzten Kabinettschef Wilhelms II. gewesen ist, und wenn man an die starke Betonung des monarchischen Gedankens in dem Wahlkampf durch die Konservativen sich erinnert, so legte diese Bemerkung den Gedanken nahe, als glaubten die Deutschnationalen an die Wiedererrichtung des deutschen Kaisertums. Aber wer auf dem Boden der erblichen Monarchie steht, der darf sich an keiner Wahl eines republikanischen Präsidenten beteiligen.

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          Das haben heute die Deutschnationalen getan, 51 Stimmzettel waren unterschrieben. Die Hälfte davon stammt von den Unabhängigen, deren Abneigung gegen Herrn Ebert viel stärker ist als gegenüber irgend einem Bürgerlichen. Die andere Hälfte wird aus den Reihen der deutschen Volkspartei und vielleicht auch einiger Zentrumsleute gekommen sein.

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