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Frankfurter Zeitung 01.01.1919 : So hausten Matrosen in des Kaisers Schloss

  • Aktualisiert am

Das beschädigte Schloss in Berlin an Heiligabend 1918. Im Inneren haben sich Matrosen der Marinedivision verschanzt. Bild: Picture-Alliance

Nach der Flucht der Kaiserfamilie wird das Berliner Schloss von Aufständischen besetzt. Diese haben aber nicht nur das Wohl der Republik im Kopf, sondern auch den eigenen Vorteil.

          N Berlin, 31. Dezbr. (Priv.-Tel.) Am Tage des Ausbruchs der Revolution in Berlin, am 9. November, besetzte Liebknecht mit seiner Anhängerschaft das Schloß und verkündete vom Balkon herab, daß er der Herr dieses Kaiserhauses sei. Bald darauf richteten sich die aus Kiel und anderen Orten der Wasserkante nach Berlin gekommenen Matrosen, die sich zur sogenannten Volksmarinedivision organisierten und sich als Prätorianergarde der Regierung eine Zeitlang fühlten darin häuslich ein. Erst erzählte man sich heimlich, dann wurde es zum öffentlichen Gespräch, daß es in diesem zum Nationaleigentum erklärten Schloß seit der Besitzergreifung durch die neuen Herren toll aussehe, daß darin nach Herzenslust geplündert worden sei und Millionenwerte verschwunden seien. Der Stadtkommandant selbst verlange, nachdem er sich von den Zuständen im Schloß überzeugt hatte, die Entfernung der Matrosen, und sein Verlangen bei dem auch politische Motive mitgesprochen haben mögen, hat dann am 23. Dezember zu den heftigen Kämpfen um das Schloß und den letzten Endes zur Regierungskrisis geführt. War das Verlangen von Wels, die Matrosen aus dem Schloß zu entfernen, berechtigt?

          Eine Besichtigung, die auf Veranlassung des Finanzministeriums durch die Vertreter der Presse heute stattfand, hat eine deutliche Antwort gegeben. Rein äußerlich weist das Schloß infolge der letzten Kämpfe starke Narben auf. Der Balkon, von dem herab der Kaiser beim Ausbruch des Krieges die Worte sprach: „Ich kenne nur noch Deutsche!“ zeigt mehrere Granatenschläge. Eine Granate ist durch das hohe Bogenfester bis auf den mittleren Hof durchgeschlagen. Zahlreiche Fenster sind durch Maschinenengewehreinschüsse zertrümmert. Aber diese Schäden werden bald beseitigt sein: Maurer und Glaser sind bereits am Ausbessern. Sie haben unerwartet Notstandsarbeiten bekommen. Umso größer sind aber die Verheerungen der Plünderer.

          Es sollte sich wohl um eine Zweckbesichtigung handeln, und ein Matrose, der sich „Chef der Kriminalabteilung der Matrosendivision“ nannte, zeigte am Eingang ein Zimmer, wo die Gegenstände gesammelt waren, die Plünderern abgenommen worden waren. Es lagen dort verschiedene Degen des Kaisers, ein mit Gold verzierter Marschallstab, viele Medaillen, Petschafte, Orden und ein aus vielen Teilen bestehendes silbernes und goldenes Eßbesteck. Auf Fragen erklärte der Matrose, daß diese Gegenstände sowohl Zivilpersonen, wie auch Matrosen wieder abgenommen worden seien, und bei den verschiedenen Fragen ergab sich die recht bezeichnende Tatsache, daß sich bei der Matrosendivision zunächst viele Leute in Marineuniform gemeldet hatten und eingestellt worden waren, die in Wirklichkeit gar keine Matrosen waren, sondern auf die wohl der Ausdruck: „Revolutionsgewinnler“ zutrifft.

          Nur Wertloses bleibt zurück

          Nicht uninteressant war es auch, daß der Matrose erzählte, dieses silberne Tafelgerät sei bei dem großen Festessen benutzt worden, das die Matrosen im Schlosse mit den Mitgliedern des A- und S-Rats und des neu gebildeten Polizeipräsidiums in den ersten Tagen ihres Einzuges im Schlosse veranstaltet haben. Was nachher zu sehen war, lehrte mit überzeugender Beweiskraft, daß die größte Zahl der Plünderer ungeschoren mit ihrer Beute davon gekommen ist. Im Balkonzimmer und im Pfeilersaal, die beide nach dem Nußpark hinausgehen, sah man die Einschlagstellen der Granaten, die für die dort noch stehenden Maschinengewehre bestimmt waren. Der mit vielen Gemälden geschmückte Gardekorpssaal zeigte Spuren von Maschinengewehrschüssen, aber auch die erste Spur der Plünderer. Man sah, wie das Stemmeisen und andere Eisenwerkzeuge an den Türen gearbeitet hatten, und diese Beobachtung wiederholte sich bei einer großen Zahl weiterer Zimmer und Behältnisse. In der neben anliegenden Livréekammer ist wild gehaust worden. Sämtliche Schränke sind aufgebrochen und ausgeraubt. Die ganze Garderobe der Dienerschaft ist verschwunden und es ist eigentlich nur zurückgeblieben, was absolut keinen Wert mehr hat. In 6-7 Zimmern sind die Schränke völlig ausgeleert.

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