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Frankfurter Zeitung 01.01.1919 : So hausten Matrosen in des Kaisers Schloss

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Für die Sinnesart der Plünderer spricht, daß sie in der Hauptsache Uniformen, Kleidungsstücke, Betten und Bettwäsche gestohlen haben. Selbst schwere Matratzen haben sie verschleppt. Die Gemälde sind im allgemeinen verschont geblieben. Dafür fehlte wohl das Verständnis. Im Rittersaal allerdings ist ein Gemälde, das Friedrich I. als Kurprinz zeigt, verschwunden, und auch noch etwa vier andere Gemälde fehlen. Daneben sind kleine Kunstgegenstände, Vasen, Broncen, Andenken, Orden aller Art in großer Menge beiseite geschafft worden. Es mögen nach Angaben der Schloßverwaltung tausend und mehr sein. Vieles ist dadurch gerettet worden, daß kostbare Kunstschätze im Wert von etwa 20 Millionen Mark als man das zugreifende Wesen der Matrosen erkannt hatte, in den Museen untergebracht wurden. Der weiße Saal ist völlig unberührt, und alles, was von Handgranatenkämpfen, die am 23. Dezember dort stattgefunden haben sollen, erzählt wird, ist eine reine Erfindung. Aber leer und kahl ist er. Kein von purpurnen Baldachin überdachter Thronsessel ziert ihn mehr, und wer dem 4. August 1914 bei der Eröffnung des Reichstages mit dem gegenseitigen Treugelöbnis hier miterlebt hat, wird eigenartig berührt beim Durchschreiten dieser historischen Stätte.

In den persönlichen Gemächern ausgetobt

Für die Gefühlsrohheit der Plünderer spricht besonders der Anblick der Zimmer des Kaiser und der Kaiserin. Ihre Ausstattung ist überraschend schlicht und einfach. Nur die Wände sind dicht behängt mit Familienbildern. In diesen allerpersönlichsten Gemächern haben sie die rohen Gesellen am gründlichsten ausgetobt. Alle Kasten sind zerbrochen, die Schreibtische ausgeleert, und wofür den Eindringlingen das Verständnis fehlte, das haben sie doch herausgeholt und auf dem Fußboden verstreut. Unter leeren Schachteln liegen Hüte, Schleier, fromme Bücher und zahlreiche Photographien der kaiserlichen Familie. Die Garderobe der Kaiserin ist restlos gestohlen, auch der größte Teil der Hüte und vor allem die Betten, die aus allen Räumen des Schlosses verschwunden sind. Leere Samtetuis zeigen die Gier, die man nach dem Goldschmuck gehabt hat. Die Vitrinen mit Andenken aller Art sind ausgeräumt.

Genau dasselbe Chaos herrscht im Zimmer des Kaisers. Uniformstücke, Visitenkarten, Brieffragmente, Aufzeichnungen aller Art bilden ein wildes Durcheinander. Was nur irgendwie brauchbar war, wurde mitgeschleppt, so Kleidungsstücke aller Art, Andenken, Briefe, Bilder und Orden mit und ohne Brillanten. Einer der Diebe hat seine alte Uniform liegen lassen und eine neue kaiserliche angezogen. Andere haben sich für das Wegschaffen der Beute dadurch erleichtert, daß sie ihre Handgranaten dafür liegen ließen. Auch einige Maschinengewehre sind wie in anderen Zimmern stehen geblieben, und daneben liegen noch große Haufen Munition. Barbaren sind es gewesen, die dort gehaust haben, gefühllose, rohe Gesellen, die auch vor dem Schlafzimmer nicht halt machten, und beim Verlassen der Zimmer konnten sie an den vielen Photographen von Kriegsschiffen sehen, wie sehr Wilhelm II. für „seine Marine und seine blauen Jungen“ geschwärmt hat.

Wer hat nun geplündert? Zunächst in den ersten Tagen, als die Anhängerschaft Liebknechts sich im Schlosse breit machte, vieles verschwunden. Aber der größte Teil der Gegenstände ist verschleppt worden in den Wochen, in denen das Schloß in der Obhut der Matrosen war. Noch in den letzten Tagen sind von Neuem Schränke aufgebrochen und ausgeraubt worden und selbst noch in der gestrigen Nacht. Die Schloßverwaltung schätzt den Wert der geraubten Gegenstände auf 6 bis 7 Millionen Mark. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß in den Zeitungen Notizen aufgetaucht sind über Verkaufsangebote von kaiserlichen Briefen, die durch Vermittlung der Matrosen in die Hände geschäftstüchtiger Leute gekommen sind. Wer sich an Ort und Stelle von dieser höchst merkwürdigen „Sicherheit“ überzeugt, die durch die Bewachung der Matrosen herbeigeführt worden ist, der kann begreifen, daß Wels die Räumung des Schlosses durch die Matrosen verlangte. Aber es wird einem auch verständlich, weswegen man manche von den Revolutionsgewinnlern das Schloß nicht verlassen wollten.

*

N Berlin, 31. Dezbr. (Priv.-Tel.) Die Matrosen haben heute mittag endlich das Schloß verlassen.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 6. Januar 2019.

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